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Workshop: Inside Pro Tools (Folge 2)

Die Philosophie des Ausspielens

Carina Pannicke am 19.05.2014

Die Philosophie des ...

Durch das Offline-Bouncing scheint der ganze Workflow von Pro-Tools-Usern beeinflusst zu werden, denn die Zeit des Ausspiels reicht nicht einmal mehr, um sich währenddessen einen Kaffee zu machen. Grund genug, um sich zu fragen: Brauche ich das wirklich? Hat das Online-Bouncen auch Vorteile? Und: Welche Alternativen zu den beiden Funktionen gibt es?

Bisher war es so: Hatte man ein Projekt in Pro Tools fertiggestellt, musste man noch genügend Zeit für das Ausspielen einplanen – eben so viele Minuten, wie das ganze Projekt dauerte. Schließlich konnte das Programm bis Version 10 nur in Echtzeit bouncen. Böse Zungen hörte man da sagen, Pro Tools sei diesbezüglich ein schwarzes Schaf unter den DAWs. Tatsächlich war die fehlende Offline-Bounce-Funktion für viele ein Argument, um statt Pro Tools lieber ein anderes Programm zu wählen – und diesbezüglich war die Auswahl groß, da quasi jede andere DAW dazu in der Lage ist.

Allerdings mussten sich diejenigen auch fragen, wie professionelle User eigentlich ohne Offline-Bouncen (über-)leben können. Immerhin nutzen schätzungsweise 95 Prozent Pro Tools für kommerzielle Produktionen. Gab es einen Trick? Wahrscheinlicher ist jedoch, dass für diese Spezies andere Faktoren für die Benutzung von Pro Tools sprachen und sprechen. So war es zumindest bei mir, als ich vor vielen Jahren von Nuendo zu Pro Tools wechselte und es trotz langjährigem LE-User-Dasein nie bereute.

Doch kurz einen Schritt zurück für alle, denen das alles erst einmal wenig sagt: Beim Offline-Bounce wird ein finaler Mixdown erstellt, ohne das Projekt in Echtzeit wiedergeben zu müssen. Alle Einstellungen samt Effekten und Automationen berechnet das Programm also in vielfacher Geschwindigkeit und schreibt sie in ein Mono-, Stereo- oder Mehrkanal-File. Klang- und Schnittbearbeitungen sind so in wenigen Minuten in finale Tracks ausgespielt. Das Gegenteil dieses Verfahrens heißt folglich Online-Bounce.

Übrigens: Offline-Bouncen ist nicht zu verwechseln mit dem sogenannten Konsolidieren („Consolidate Clips“). Mit dieser Funktion fasst Pro Tools nämlich nur Schnitte, offline in die Clips eingerechnete Klangbearbeitungen sowie Clip-Gain-Einstellungen in ein finales File zusammen – nicht aber Automationen oder Effekte in den Send- und Insert-Slots. Das Konsolidieren ist deswegen keine wirkliche Alternative zum Bounce, zumal es sich ohnehin nur auf einen einzelnen Track anwenden lässt – also ein rein Editing-bezogenes Feature.

Via Offline-Bounce kannst du deine Projekte in Pro Tools 11 mit bis zu 150-facher Echtzeit-Geschwindigkeit ausspielen.

Vorteile des Offline-Bouncings

Dass Offline-Bouncen erst mit Pro Tools 11 eingeführt wurde, ist nebenbei bemerkt weder Zufall noch Willkür: Um diese Funktion auch mit der Avid-eigenen HD-Hardware ausführen zu können, bedarf es einer entsprechend darauf ausgelegten Audio-Engine sowie einer ebenso komparablen (Plug-In-)Schnittstelle. Die Hardware muss beispielsweise dazu in der Lage sein, die Signale von Plug-Ins in den Insert- und Send-Slots auch jenseits von Echtzeitwiedergabe zu berechnen.

Mit der alten TDM-Schnittstelle und der HD-Hardware war das schlichtweg ein Ding der technischen Unmöglichkeit. Offline-Bouncen ausschließlich auf RTAS-Ebene, also für die nativen Systeme einzuführen, die diese Funktion durchaus beherrscht hätten, wäre wiederum aus produktpolitischen Gründen hochproblematisch gewesen – um es mal vorsichtig auszudrücken. Erst durch die vollständige Ablösung von TDM beziehungsweise RTAS durch die modernere und leistungsfähigere Schnittstelle AAX ist auch der Weg frei für das Offline-Bouncing.

Die Funktion selbst ist zunächst recht unspektakulär: Du aktivierst sie mit einem Klick im Bounce-to-Disk-Dialog – und schon generiert Pro Tools den Mixdown in bis zu 150-facher Echtzeitgeschwindigkeit. Ein vierminütiger Mix ist somit in wenigen Sekunden ausgespielt. Pro Tools zeigt sogar an, mit welcher Geschwindigkeit es aktuell bounct. Der tatsächliche Speed ist allerdings von verschiedenen Faktoren abhängig – zum Beispiel von der CPU- und Festplatten-Auslastung. Selbst wenn es ein paar Sekunden länger dauert: Das Offline-Bouncen spart in jedem Fall enorm Zeit.

Noch mehr Zeitersparnis bietet darüber hinaus die erweiterte Funktionalität des Offline-Bounce in Pro Tools 11: Es lassen sich hier erstmals Mixdowns aus mehreren Quellen gleichzeitig erstellen. Du musst also für eventuell notwendige Submixe (Stems) keinen extra Bounce mehr starten, sondern kannst alles in einem Rutsch erledigen. Diese wunderbar praxisnahe wie zeitsparende Option hat allerdings einen Haken: Sie ist HD-Usern vorbehalten. Mit dem „normalen“ Pro Tools kannst du lediglich eine MP3 parallel zum Mixdown erstellen. Immerhin.

Auch von mehreren Quellen gleichzeitig ist das Ausspielen in Offline möglich (HD only).

Vertrauen ist gut ...

Aus der Rechnung mit der Zeitersparnis folgt für mich aber auch, dass ich einen vierminütigen Songmix nicht unbedingt offline bouncen muss, sondern hier lieber die herkömmliche Methode anwende – und zwar aus einem einfachen Grund: Während des Offline-Bouncens höre ich mein Projekt nicht. Das ist der größte Nachteil dieser Funktion. Denn genau genommen annulliert sich die Zeitersparnis des schnellen Ausspiels dadurch, dass ich danach noch einmal Kontrollhören muss – logischerweise in Echtzeit. Ja, du hast richtig gelesen.

Aus professioneller Praxiserfahrung heraus solltest du einen offline gebouncten Mix niemals herausgeben, ohne ihn vorher noch einmal kontrolliert beziehungsweise gehört zu haben. Sonst geht es dir womöglich wie dem User, der neulich in einem Avid-Forum davon berichtete, wie er eine Menge Ärger mit einem fehlerhaften offline ausgespielten Filmton-Mix hatte, den er – weil ihm angeblich die Zeit dafür fehlte – nicht mehr kontrollhören konnte und der vom Auftraggeber natürlich reklamiert wurde.

Unvernünftigerweise machte er seinem Ärger Luft, indem er Pro Tools und der Offline-Bounce-Funktion die Schuld gab, die seiner Meinung nach nicht so funktionierte, wie man das als Profi erwarten würde. Auch wenn oder gerade weil durchaus Fehler auftreten können, folgt daraus: Vertraue niemals einer Software blind. Auch nicht Pro Tools. Zeit zum Kontrollieren muss einfach immer sein – und sei es wenigstens stichprobenartig.

Die Kehrseite der Medaille ist also gleichzeitig wiederum ein Vorteil des Online-Bounce, den ich sehr schätze: Hierbei kann ich Bounce und Kontrollhören nämlich in einem einzigen Arbeitsschritt erledigen. Denn erstens spielt Pro Tools das Projekt während des Bounce ab und zweitens erfolgt dies Hinterband – also nachdem die Daten auf die Festplatte geschrieben wurden. So kann ich mir wirklich sicher sein, dass das Gehörte auch das ist, was ich haben möchte und an den Kunden ausliefern kann.

Zudem kannst du die Bounce-Funktion jetzt auch bequem per Rechtsklick auf dem Track-Ausgang aufrufen.

Die Alternative

Offline- oder Online-Bounce hin oder her – bei manchen Audio-Produktionen kommt weder das eine noch das andere zum Einsatz. Die dritte Variante des Ausspiels nennt sich „Re-Recording“. Dabei zeichnet man die entsprechenden Tracks während der Wiedergabe auf einen separaten Master-Track auf – und zwar so, wie man Mikrofonsignale in Pro Tools aufnimmt. Der einzige Unterschied dabei ist, dass der Eingang des Master-Tracks von einem internen Bus, auf dem sämtliche Signale geroutet sind, gespeist wird und nicht vom Signal eines externen Vorverstärkers. Das Ganze geschieht, wie du richtig vermutest, in Echtzeit.

Der große Vorteil des Re-Recordings: Entdeckst du einen Fehler im Mix, kannst du die Aufnahme einfach stoppen, den Patzer korrigieren und an der entsprechenden Stelle wieder ansetzen. Es ist im Gegensatz zum Online-Bounce folglich nicht notwendig, von vorn anzufangen. Allerdings darfst du selbstverständlich nur den Ausgang des Master-Tracks abhören, um sicher zu gehen, dass die Aufnahme auch dem finalen Mix entspricht – Stichwort: „Hinterband hören.“

Wie alle Ausspielverfahren, besitzt das Re-Recording einen Nachteil: Mit jedem Neuansetzen der Aufnahme entsteht nicht nur eine größere Datenmenge, sondern auch viele Schnitte. Das finale File ist folglich erst einmal mehr oder weniger zerstückelt und muss dann zu einem File konsolidiert werden. Die Schnittstellen solltest du vorher jedoch unbedingt überprüfen. Da Pro Tools leider bis heute keine Daten nur am Wellen-Nullpunkt anfängt, können bei einem Neuansatz durchaus Knackser auftreten, die du mit einem entsprechenden Fade überblenden solltest.

Das Re-Recording bedarf also einiger Nachbearbeitungen und somit zusätzlicher Zeit. Abgesehen davon ist es natürlich ein reines Echtzeit-Verfahren. Verwendet wird es hauptsächlich in der Filmtonmischung. Häufig steht für die Aufnahme sogar ein separater Rechner mit einem zweiten Pro-Tools-System zur Verfügung, um möglichst keine DSP- und Rechenpower von der Wiedergabe der oft über 100 Tracks abzuziehen.

Die Alternative zum Bouncen heißt Re-Recording.

Was nun?

Ein großer Pluspunkt für das Re-Recording gegenüber den typischen Bounce-Funktionen ist, dass du noch während des Ausspiels in den Mix eingreifen kannst. Richtig zeitsparend zeigt sich das Verfahren also dann, wenn du während des Mischens zugleich aufnimmst und dir so einen weiteren Durchlauf sparst. Dies ist ein weiterer Aspekt, warum es vor allem in der Filmtonmischung Verwendung findet.

Zusammenfassend bin ich alles andere als gegen das Offline-Bouncen, finde den Hype darum aber übertrieben. Klar, es spart eine Menge Zeit, vor allem, wenn sich nun mehrere Mixe gleichzeitig ausspielen lassen. Die Ersparnis ist allerdings in vielen Fällen relativ. Spätestens wenn externe Hardware wie Klangprozessoren oder Synthesizer zum Einsatz kommen, hat sich das mit dem Offline-Bounce qua physikalischer Gesetzmäßigkeit sowieso erledigt. Im Übrigen auch, wenn du reine DSP-Plug-Ins verwendest – also solche, die nur unter HD und nicht auf nativer Ebene laufen.

Unter den genannten Aspekten empfehle ich, abzuwägen, welche Art des Ausspiels für welches Projekt die geeignetste ist. Setze also nicht blind auf das Offline-Bouncen, einfach weil die Möglichkeit besteht. Schon gar nicht, ohne den ausgespielten Mix im Nachgang noch einmal zu kontrollieren. Gut, Zeit zum Kaffeekochen hab ich nicht mehr, wenn ich offline bounce. Glücklicherweise hat sich dafür aber mittlerweile ein neuer Slot gefunden: die Zeit zum Uploaden meiner Mixe.







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