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Workshop: Inside Pro Tools (Folge 1)

AAX – die neue Ära

Carina Pannicke am 15.01.2014

AAX – die neue ...

Spätestens seit der Veröffentlichung von Pro Tools 11 im letzten Jahr ist klar, dass TDM und RTAS zugunsten des neuen Formats AAX endgültig aufs Abstellgleis geschoben wurden – Schnittstellen, über die sich seit gut zwanzig Jahren Echtzeit-Plug-Ins in Pro Tools ansteuern lassen. Doch was ist eigentlich so schlimm daran? Bietet AAX nicht auch Vorteile? Der erste Teil unserer fünfteiligen Workshop-Serie „Inside Pro Tools“ klärt auf.

Dass der Abschied von TDM und RTAS kommen würde, verkündete Avid bereits im Zuge der Veröffentlichung von Pro Tools 10. Zu behaupten, er käme überraschend und hätte Plug-In-Hersteller und User erst mit der Veröffentlichung von Pro Tools 11 „kalt erwischt“, wäre folglich mehr als ungerecht. Berechtigter ist dagegen schon die Frage: Warum wurden anstelle der Erschaffung einer vollkommen neuen Schnittstelle TDM und RTAS nicht einfach weiterentwickelt und für den 64-Bit-Betrieb modifiziert? Dabei ist es nicht so, dass Audio-Schaffende grundsätzlich etwas gegen Neuentwicklungen hätten – das Gegenteil ist der Fall. Die Frage ist vor allem deshalb berechtigt, da die Einführung einer neuen Plug-In-Schnittstelle nicht unproblematisch ist.

Primär sind da die Sorgen um Kompatibilitätsprobleme: Eine Plug-In-Schnittstelle bedeutet die Integration von Audio-Werkzeugen und Prozessoren, die für viele Anwendungsszenarien – sei es Editing, Mixing oder Composing – essentiell sind. Du als User siehst also möglicherweise alt aus, wenn deine geliebten Brot-und-Butter-Plug-Ins auf TDM- oder RTAS-Basis in Pro Tools 11 nicht mehr funktionieren. Mit der Verfügbarkeit von AAX-fähigen Plug-Ins steht und fällt auch die Verwendung und damit der Erfolg von Pro Tools 11. Denn was nützt einem schon eine DAW ohne Plug-Ins? Damit kommen schließlich die Hersteller in Zugzwang: Sie müssen nun dafür sorgen, dass ihre Software-Tools mit der neuen Schnittstelle laufen.

Die gute Nachricht ist: Die meisten namhaften Hersteller – wie Waves, Softube oder Brainworx – sind beinahe selbstverständlich auf den AAX-Zug aufgesprungen. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass deine Lieblings-Plug-Ins inzwischen als AAX-Version verfügbar sind. Bei vielen Herstellern kannst du das Upgrade sogar kostenlos herunterladen. In manchen Fällen lassen nur die Windows-Versionen noch ein wenig auf sich warten.

Dies ist allerdings noch keine Antwort auf die Frage, warum Avid überhaupt eine neue Schnittstelle entwickelt hat. Dass das Unternehmen nicht einfach bestehende Schnittstellen wie AU oder VST adaptieren konnte oder wollte, scheint dabei noch relativ offensichtlich: AU ist ein reines Mac-Format und VST hat mittlerweile auch schon ein paar Jahre auf dem Buckel. Die wahren Gründe für die Entwicklung von AAX offenbaren sich erst, wenn man sich einige Spezifikationen von RTAS und TDM und ihre Entwicklungsgeschichte etwas genauer ansieht.

Hat mit Pro Tools 11 und AAX 64 ausgedient: die nun schon etwas betagte TDM-Karte für HD-Accel-Systeme.

Volle Kompatibilität?

TDM (Time Division Multiplex) wurde erstmals mit Pro Tools 2.0 im Jahre 1993 eingeführt. Spezielle DSP-Chips ermöglichten es erstmals, dass User mehrere Plug-Ins gleichzeitig nutzen und sogar Drittanbieter-Software integrieren konnten. Die CPU- oder Host-basierte (native) Echtzeitintegration von Plug-Ins war dagegen erst sechs Jahre später, 1999 mit der Implementierung der auf TDM-basierenden RTAS-Schnittstelle (Real-Time Audiosuite), möglich. Zuvor konnten Host-Berechnungen nur non-destruktiv, also nicht in Echtzeit, mit Hilfe des 1997 eingeführten Audiosuite-(AS-)Formats umgesetzt werden.

Obwohl sie also eigentlich als Ergänzungen zwischen DSP- und nativen Berechnungen gedacht waren, unterschieden sich TDM und RTAS von Anfang an signifikant voneinander. Beispielsweise basiert TDM auf der Hardware-bezogenen Programmiersprache Assembly 56k, wohingegen RTAS in C oder C++ umgesetzt wurde. TDM verwendet zur Audio-Berechnung 24, 48, 56 oder mehr Bit Festkomma-Arithmetik (Fixed), RTAS 32, 64, 80 oder mehr Bit Fließkomma (Float). Das allein zeigt, dass TDM und RTAS alles andere als kompatibel zueinander sind – von klanglichen Unterschieden ganz zu schweigen.

Für jedes Plug-In mussten sich die Hersteller folglich entscheiden, ob sie es als TDM- oder RTAS-Version anbieten wollten. Die häufigste Lösung, beide Versionen bereitzustellen, bedeutete einen Programmier-Mehraufwand, der sich meistens in den höheren Preisen für TDM-Versionen niederschlug. Ein Grund für die Entwicklung von AAX war also die Kompatibilität zwischen DSP-basierten und nativen Pro Tools-Systemen herzustellen. AAX berechnet dabei sämtliche Prozesse in 32- beziehungsweise 64-Bit-Float – egal ob auf den HDX-Karten oder mit der CPU.

Ein schöner Nebeneffekt ist hierbei, dass beide Versionen nun vollkommen gleich klingen. Außerdem entfällt somit auch die DSP-Exklusivität von Plug-Ins. Für dich als User ist das ein großer Vorteil, da du nun auch als Besitzer eines nativen Systems jedes Plug-In erwerben kannst, sogar solche, die bisher nur als TDM-Version verfügbar waren. Dies wiederum erleichtert den Session-Austausch, da beim Fehlen einer DSP-Karte automatisch die native Variante geladen wird.

Moderne Ablösung: die AA-DSP-64-kompatible HDx-Karte.

Ein zukunftsfähiges Niveau

Doch noch ein weiterer Grund war ausschlaggebend für die Entwicklung von AAX, nämlich die Leistungsfähigkeit der Schnittstelle. Du kannst dich ja sicher erinnern – oder falls du noch nicht so alt bist: dir vorstellen –, welche gravierenden Veränderungen in der Informations- und damit auch der Audio-Technologie in den letzten zwanzig Jahren stattgefunden haben: neue Hardware-Schnittstellen (aus Nubus wird PCI), neue Betriebssysteme, neue Processing-Technologien, höhere Wortbreiten (von 16 zu 24 Bit, von 32 zu 64 Bit) und vieles mehr.

TDM und RTAS mussten seit ihrer Geburtsstunde immer wieder modifiziert werden, um mit allen diesen Veränderungen kompatibel und leistungsfähig zu bleiben. Beide Schnittstellen haben deshalb im Laufe der Jahre sozusagen eine Menge Last angesammelt, die der Effizienz und Stabilität quasi entgegenwirken. Dies wiederum bedeutet, dass auch der Leistungsfähigkeit der Plug-Ins bisher deutliche Grenzen gesetzt waren. Eine Transformation zu 64 Bit hätte noch weitere Beeinträchtigungen zur Folge gehabt. Da erschien es logischer, lieber von vorne anzufangen und eine neu, 64-Bit-fähige Schnittstelle zu entwickeln.

Und noch ein drittes Ziel trieb die Entwickler um: Sie wollten die Möglichkeit schaffen, dass ein Plug-In sowohl Host- als auch DSP-Ressourcen gleichzeitig nutzen kann. Diese Neuheit heißt AAX Hybrid und kombiniert die ultra-kurzen Latenzzeiten eines DSP-Chips mit der Flexibilität deiner Rechner-CPU. Allein diese Technologie dürfte Grund genug sein, um AAX willkommen zu heißen. Das erste hybride Plug-In steht bereits kurz vor der Veröffentlichung.

So gesehen ist die Entwicklung und Einführung des neuen AAX-Standards mehr als konsequent, denn sie bietet dir als User eine Menge Vorteile: Vereinheitlichung, Verfügbarkeit von Plug-Ins auch für native Systeme, Austausch und Leistungsfähigkeit. Aus denselben Gründen erleichtert sie den Entwicklern die Arbeit. DSP-Versionen zu programmieren ist demnach deutlich einfacher geworden. Fazit: Wir dürfen gespannt sein, wohin die Reise mit der neuen Schnittstelle geht. AAX ist auf jeden Fall ebenso zukunftsfähig wie Pro Tools 11 – da gibt’s doch eigentlich gar nichts mehr zu meckern, oder?







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