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Test: Schoeps V4 U

Altes Gewand, moderner Sound

Marco Sulek am 15.05.2014

Altes Gewand, ...

Schoeps rühmt sich zu Recht mit dem Titel, einer der führenden Hersteller von Kleinmembranern zu sein. Schließlich wartet die Mikrofonschmiede seit den 1950ern mit reichlich Innovationen und Speziallösungen auf. Zur neuesten Errungenschaft der Karlsruher gehört das Studio-Gesangsmikrofon V4 U – mehr dazu im folgenden Test.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, Schoeps hätte mit dem V4 U einen Großmembraner auf den Markt gebracht. Doch der Schein trügt, denn hier handelt es sich klar um einen Kleinmembraner. Und die Firmenpolitik, sich auf Schallwandler mit einem Membrandurchmesser von genau 12 mm zu konzentrieren, ist nicht unbegründet: Kleinmembrankapseln reichen Signale wesentlich neutraler und unverfälschter weiter als Großmembraner. Auch der Übertragungsbereich ist viel größer – vor allem in den hohen Lagen.

Nichtsdestotrotz sind Großmembraner vor allem für Gesangsaufnahmen sehr begehrt. Damit das V4 U die Vorzüge beider Bauarten vereinen kann, bedient sich der Hersteller eines einfachen wie effektiven Tricks: Eine Ringscheibe um die Kapsel herum vergrößert den akustisch relevanten Durchmesser auf 33 mm. Dadurch erfolgt zudem aufgrund von Druckstau vor der Membran eine früher einsetzende Bündelung mittlerer Frequenzen. Sprich: So lässt sich ein verhältnismäßig extrem homogenes Richtverhalten über den ganzen Übertragungsbereich realisieren.

Doch so ein Schallwandler kommt nicht von ungefähr: Schoeps investierte ganze vier Jahre Entwicklungszeit in das V4 U. Dabei wurden neben der Kapsel auch die Elektronik sowie die Mechanik des Gelenks komplett neu konstruiert. Wie jedes Modell aus der Karlsruher Mikrofonschmiede testete man dabei das V4 U ausgiebig. Deswegen kann Schoeps stolz sagen, das Mikrofon wäre unempfindlich gegenüber elektrischen, magnetischen und elektromagnetischen Feldern.

Optisch lehnt sich der Neuling an das 1951 erschienene CM 51/3 an. Zwar könnte man behaupten, Schoeps würde dem anhaltenden Vintage-Hype nacheifern, doch handelt es sich hier um keine Eigenkopie aus vergangenen Zeiten. Elektronik sowie Kapsel wurden neu entwickelt und bieten einen mehr als nur zeitgemäßen Sound – doch dazu später mehr. Das V4 U kommt übrigens in einem mit Schaumstoff ausgekleideten Holzetui und ist in zwei Farben erhältlich: Anthrazitgrau und Königsblau.

Das Schoeps V4 U kommt in einer Holzbox, die mit Schaumstoff ausgekleidet ist.

Flexible Ausrichtung

Am Design des Schoeps V4 U fällt sofort die Form des Korbes ins Auge, die schemenhaft an eine invertierte Birne erinnert. Dabei bietet ein stabiles Gerüst mit drei Zwischenstreben optimalen Schutz für die Kapsel. Der Korb selbst besteht aus zweilagiger Gaze – außen eine feine, innen eine grobe Schicht. Eine Besonderheit am V4 U ist, dass sich das Kapselgelenk stufenlos um ±20° neigen lässt. Die Mechanik hierzu arbeitet „trocken“, wodurch sie keiner Nachfettung bedarf.

Schoeps liefert das V4 U entweder mit der Mikrofonspinne USM-V4 oder der Klemme SGV aus. Für unseren Test erhielten wir das Set mit Spinne. Die USM-V4 selbst stammt aus dem britischen Hause Rycote – einer der führenden Hersteller von Mikrofonhalterungen. Für die elastische Aufhängung kommen hier vier der patentierten Lyre-Elemente zum Einsatz. Fixieren lässt sich das V4 U über vier Feststellschrauben, die für einen rutschfesten Halt Gumminoppen besitzen. Ein nettes Detail an der USM-V4 ist der Schraubenkopf: Hierauf sind die Umrisse des V4-U-Korbes zu sehen.

Bei Close-Miking kann es unter Umständen passieren, dass die Spinne aufgrund ihrer etwas ausladenden Aufhängung im Weg ist – besonders dann, wenn man einen Gitarrenamp aufnehmen möchte. Doch hier zeigt sich praktischerweise das V4 U selbst sehr anpassungsfähig: Einfach die Mikrofonkapsel nach hinten neigen und das Problem ist gelöst. Am Gelenk der Spinne findet sich zudem eine Klemme für Kabel, sodass dieses nicht einfach lose herumhängt – ein nützliches Feature, das man leider viel zu selten antrifft.

Doch nicht nur die Rycote-Mikrofonspinne sorgt für eine optimale Entkopplung: Die Mikrofonkapsel selbst lagert auf einer speziellen elastischen Aufhängung. Dadurch lassen sich beispielsweise Grifflaute oder leichte Vibrationsgeräusche des Stativs effektiv unterdrücken. Was nebenbei bemerkt sowohl am V4 U als auch an der USM-V4 sehr positiv auffällt, ist die makellose Verarbeitungsqualität. Hieran gibt es weder etwas zu beanstanden noch lassen beide Hersteller etwas zu wünschen übrig.

Mittels drei zusätzlicher Streben ist die Mikrofonkapsel des V4 U optimal vor äußeren Einwirkungen geschützt.

Ingenieurskunst

Wie eingangs bereits erwähnt, wurde die Kapsel des V4 U um eine ringförmige Scheibe erweitert. Diese hat neben der früheren Bündelung mittlerer Frequenzen zudem einen akustischen Filtereffekt. Im Zusammenspiel mit der Elektronik ergibt sich so eine recht lineare Diffusfeldkurve von 200 Hz bis 2 kHz. Zwischen 2 und 10 kHz macht sich eine leichte Anhebung bemerkbar, die unter anderem für eine hohe Sprachverständlichkeit sorgt – nicht umsonst handelt es sich um ein Gesangsmikrofon. Sehr an Großmembraner erinnert allerdings der relativ sacht abfallende Bereich nach 10 kHz.

Für die Tiefen hat sich Schoeps ein praktisches Feature einfallen lassen: Ein Lowcut sorgt ab 40 Hz dafür, dass sich Trittschall und andere tieffrequente Störgeräusche gar nicht erst bemerkbar machen. Das Filter ist jedoch nicht schaltbar und fest in den Signalweg integriert. Genauso wenig gibt es einen Pad-Schalter. Stattdessen setzt Schoeps auf einen sehr hohen Maximalschalldruckpegel von 144 dB – und mal ehrlich, das reicht für alle akustischen Schallquellen locker aus.

Für eine durchgehend symmetrische Signalführung im V4 U sorgt ein neuentwickeltes Schaltungsdesign mit eisenloser Brückenendstufe. Somit handelt es sich bei der vergoldeten XLR-Buchse um einen echten symmetrischen Output. Der Ausgang selbst kommt ohne Kondensator aus, weswegen der Quellwiderstand nicht nur niedrig, sondern auch frequenzunabhängig ist. Weiterhin ermöglicht die Schaltung den hohen Maximalschalldruckpegel bei einem gleichzeitig niedrigen Verzerrungsgrad.

Schoeps-Kenner ahnen es wohl bereits, doch manchen mag es neu sein: Die „4“ im Produktnamen deutet auf eine Nierenrichtcharakteristik hin. Und diese macht bei einem Gesangsmikrofon fürs Studio auch am meisten Sinn – ist ja klar. Um gleich Aufklärung über die komplette Bezeichnung des V4 U zu liefern: Das „V“ steht für „Vocal“ und das „U“ am Ende deutet lediglich darauf hin, dass es sich um einen XLR-Ausgang handelt.

Anschlussseitig besitzt das V4 U eine vergoldete XLR-Buchse.

Ab ins Studio

Einer der vielen Ansprüche von Schoeps war es, den Aufnahmeraum über das V4 U weitestgehend unaufdringlich und angenehm klingen zu lassen. Schließlich mischen die meisten Engineers ohnehin Hall hinzu – und da wirkt es oft unpassend, auf einem Signal zwei dominante Räume zu hören. Die Frage ist nun, ob der Hersteller seinen eigenen Ansprüchen gerecht wird. Nun, einen Raum völlig zu unterdrücken ist gewissermaßen unmöglich – das war auch nicht das Ziel. Aber tatsächlich: Der Raum wirkt über das V4 U erfreulich dezent.

Für unseren Test wollten wir es genau wissen und stellten das V4 U in einen hallenden Gang. Sogar hier tönte das Signal relativ angenehm und klar, ohne dass sich die deutlich präsente Räumlichkeit störend auswirkte. Um hier kurz auf die Philosophie von Jörg Wuttke, dem ehemaligen technischen Direktor bei Schoeps, einzugehen: Die logische Rangordnung sieht vor, dass erst der Musiker, dann der Raum und schließlich der Techniker mit seinem Know-how sowie Equipment kommt. Dennoch stellen auch akustisch fragwürdige Räume kein großes Problem für das Mikrofon dar.

Wie klingt das V4 U nun vor der Schallquelle, für die es konzipiert wurde? Ohne um den heißen Brei herumzureden: einfach optimal. Die Sprachverständlichkeit ist einfach herausragend. Ebenso sind Klarheit, Nuancenreichtum und Präsenz schlichtweg vorbildlich. Dadurch eignet sich das Mikrofon nicht nur bestens für Gesang, sondern auch wunderbar für Sprachaufnahmen. Eine interessante Eigenschaft des V4 U ist übrigens, dass es sogar seitlich besprochen – zwar pegelärmer, aber – fast genau so klingt wie an der On-Axis.

Im Einsatz hatten wir den Schoeps-Neuling in einer House-Produktion für Gesang. Dabei machen es elektronische Beats und fräsende Synthie-Sounds den Vocals oft extrem schwer, sich entsprechend durchzusetzen. Doch das Signal vom V4 U hatte keinerlei Probleme; auch ohne Kompressor und wilde Automationsfahrten war der Gesang im Mix sehr gut im Vordergrund wahrzunehmen. 

Gesang überträgt das V4 U mit einer hohen Sprachverständlichkeit, Detailtreue und Natürlichkeit.

Abseits der Vocals

Mit einem so feinen Schallwandler wie dem Schoeps V4 U möchte man sich nicht nur auf Gesangaufnahmen beschränken. Deswegen nahmen wir das Mikrofon und positionierten es vor einer Akustikgitarre. Auch hier präsentierte sich uns ein warmer, detailreicher Klang, der den natürlichen Charakter des Instruments sehr schmeichelte. Ein Tipp am Rande: Neigt man die Kapsel etwas nach unten, machen sich die Atemgeräusche des Musikers nicht so stark bemerkbar.

Als nächstes stellten wir das V4 U vor einen Gitarrenverstärker. Hier war besonders praktisch, dass sich der Korb leicht nach hinten kippen lässt. So konnten wir die Kapsel sehr nah an den Speaker der Gitarrenbox heranführen, um den Nahbesprechungseffekt des Mikrofons für einen druckvollen Sound zu nutzen, ohne dass die Spinne störte. Ein gutes Ergebnis erzielten wir vor allem bei cleanen und angecrunchten Sounds. Wo die Mitten allerdings etwas zu kratzig rüberkamen, war bei High-Gain-Einstellungen – da halfen ein, zwei Griffe am EQ.

Da das Schoeps-Gesangsmikrofon sehr hohe Pegel verkraftet, ist es auch für laute Schallquellen wie Bläser und Drums prädestiniert. Leider war es im Rahmen unseres Tests nicht möglich, erwähnte Instrumente zu recorden. Interessant wäre es zudem gewesen, das V4 U an einem akustischen Flügel sowie einem Streichinstrument wie Geige oder Cello auszuprobieren. Auch an mittlerweile sehr verbreiteten und oft genutzten Cajons wäre es sehr spannend gewesen, den Kleinmembraner zu stellen – ein andermal eben.

Schoeps brachte mit dem V4 U ein ausgewachsenes Studiomikrofon auf den Markt, das sich nicht nur bestens für Sprache und Gesang, sondern auch noch für diverse andere Schallquellen eignet. Dabei sorgt vor allem das elegante, Vintage-orientierte Design für einen gelungenen Hingucker. Wer nach einem natürlich klingenden, hochauflösenden Kleinmembraner Ausschau hält, dem sei empfohlen, das V4 U selbst anzutesten.

Dank der um ±20° neigbaren Kapsel lässt sich mit dem V4 U auch mit Spinne richtiges Close-Miking realisieren.

Technische Daten

Wandlertyp   extern polarisierter Druckgradientenempfänger
Richtcharakteristik

Niere

Frequenzgang

50 Hz - 22 kHz

Empfindlichkeit 16 mV/Pa
Ersatzgeräuschpegel 15 dB (A-bewertet)
Signal-Rausch-Abstand

79 dB (A-bewertet)

Grenzschalldruckpegel

144 dB (bei 0,5 % THD)

Körperschallfilter

40 Hz

Ausgangsimpedanz

50 Ω (10 Hz - 30 kHz)

Maximale Ausgangsspannung

48 V

Phantomspeisung 4,8 V
Stromaufnahme

3,3 mA

Schaftdurchmesser

34 mm

Kapselkopfbreite

45 mm

Länge

194 mm

Winkelbereich des Gelenks

±20°

Gewicht

302 g

Farben

Blau und Grau, lackiert

Lieferumfang

Mikrofon, Holzetui & Mikrofonspinne/Klemme


Wertung:
+ ansprechende Optik
+ hochauflösender Klang
+ durchsetzungsstarkes Signal
+ beste Verarbeitungsqualität
+ hoher Maximalschalldruckpegel

Preis (UVP): 2.399 Euro

Weitere Infos unter: www.schoeps.de

Vertrieb: Schoeps







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