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Special: Ursprung des Klangs – Studio 49

Vibraphon im Fokus

am 21.10.2013

Vibraphon im Fokus

Im vergangenen Jahr begann die von Sennheiser, Neumann und Lawo/Innovason initiiert Reise zum Ursprung des Klangs. Auch 2013, genauer genommen am 24. September kamen die Profis zu einer Seminar-Roadshow im Hause des Gräfelfinger Musikinstrumentenherstellers Studio 49 zusammen.

Herbert Hammer macht die Welle – die Vibratowelle, um genau zu sein. Mit handwerklichem Geschick, höchster Präzision und exakt dosiertem Kraftaufwand bringt er den langgestreckten Metallstab mitsamt den daran befestigten Flügeln in die vorgesehene Position. Mittellager werden eingebaut und vorjustiert, Endlager mit Schraubschlüssel und Schraubendreher fixiert.

Ein kurzer Check – alles bestens. Die Welle dreht sich flüssig, Störgeräusche sind dank der mit harzfreiem Öl geschmierten Lagerung sowie eines lautlos arbeitenden Elektromotors nicht zu vernehmen. Ein bis zwei Tage muss sich die Welle nun in Dauerrotation bewegen, bevor das Instrument in weiteren Arbeitsschritten fertig gestellt wird und als Vibraphon von Weltklasse das Label „Studio 49 – Royal Percussion“ erhält.

Herbert Hammer führt die Vibratowelle mit routinierten Handbewegungen in die Resonanzröhren eines Vibraphons ein.

Stabspiele

Innerhalb der Schlaginstrumente zählt das Vibraphon ebenso wie Marimbaphon, Xylophon und Glockenspiel zur Kategorie der Stabspiele. Das Vibraphon setzt dabei auf chromatisch angeordnete Metallplatten, die mit Schlägeln unterschiedlicher Härte, Form und Masse zum Klingen gebracht werden. Unterhalb der Platten befinden sich abgestimmte Resonanzröhren, die den Sound auf natürliche Art verstärken – die sichtbare Länge der Röhren korrespondiert dabei nicht unbedingt mit ihrer tatsächlichen Resonanzfrequenz, da im Inneren sogenannte „Töpfe“ eingepresst werden, die die schwingende Luftsäule in ihrer Ausdehnung begrenzen.

Am oberen Ende der Resonanzröhren ist eine mit Scheiben versehene Welle gelagert, die durch einen Elektromotor angetrieben wird. Die Scheiben öffnen und schließen die Röhren gemäß der eingestellten Geschwindigkeit, was zu einem charakteristischen Vibrato-Effekt führt. Ein via Pedal bedienbarer Dämpfungsbalken kann die Sustain-Zeit auf Wunsch verkürzen. Im Gegensatz zum Glockenspiel, das einen harten und spitzen Ton erzeugt, wird bei der Produktion von Vibraphonen darauf geachtet, die Eigenfrequenzen der schwingenden Metallplatten in ein harmonisches Verhältnis zueinander zu bringen – versierte Fachkräfte nehmen daher die Stimmung mittels mechanischer Auskehlung der Platten vor.

„Der Unterschied zwischen einem Metallophon und einem Vibraphon liegt in der Vibratoeinheit“, erläutert Bernd Becker-Ehmck, Geschäftsführer der Studio 49 Musikinstrumentenbau GmbH. „Würden wir das Vibraphon nicht mit einer Vibratoeinheit bestücken, ergäbe sich prinzipiell ein Metallophon. Ein Metallophon ist durch eine reiche Obertonstruktur gekennzeichnet, während der Klang eines Vibraphons nicht ganz so viele warm klingende Obertöne aufweist – insgesamt wirkt ein Vibraphon im direktem Klangvergleich etwas härter.“

Das am 28. Februar 1949 gegründete Studio 49 blickt auf eine lange Tradition zurück, die ihren Ursprung in der Fertigung von Instrumenten nach Ideen des Komponisten Carl Orff hat. Ab 1961 waren die Erfahrungen im Bau von Stabspielen so weit vorangeschritten, dass das Produktportfolio um Orchesterinstrumente erweitert wurde – darunter Vibraphon, Marimbaphon, Konzertxylophon und Konzertglockenspiel. Heute runden Instrumente wie Djembe oder Cajon das Portfolio von Studio 49 ab. Gefertigt wird mit viel Liebe zum Detail in kleineren Serien: „Durch den Umstand, dass wir sämtliche Teile im eigenen Haus herstellen, haben wir eine hundertprozentige Kontrolle über die Qualität der einzelnen Bauteile und somit letztlich auch über die Qualität des gesamten Instrumentes“, sagt Bernd Becker-Ehmck.

Um den Seminarteilnehmern die Klangvielfalt des Vibraphons zu demonstrieren, lud Instrumentalist Jürgen Schieber zu einer Performance ein.

Vom Klang zum Sound

Nach einem interessanten Rundgang durch das Studio 49 zog ab 14:30 Uhr das Vibraphonspiel von Jürgen Schieber die Aufmerksamkeit der Seminarteilnehmer auf sich: Gekonnt ließ der Instrumentalist ein Vibraphon mit goldfarben lackierten Klangplatten erklingen – selbstverständlich stammte das Instrument aus dem Hause Studio 49.

In Abstimmung mit Diplom-Tonmeister Marcel Babazadeh, International Sales Manager Lawo/Innovason, der seine Ausführungen unter den Claim „Vom Klang zum Sound“ gestellt hatte, brachte Schieber nach einer musikalischen Einstimmung die Auswirkung diverser Schlägeltypen zu Gehör: Die Klangunterschiede fielen frappierend aus, und weiche Schlägelköpfe, die an den Bass-Klangplatten wunderschöne, sonor tönende Ergebnisse lieferten, führten bei den höheren Tönen schnell zu einem undifferenzierten Klangbild.

Nicht wenige Vibraphonisten mischen ihre bis zu vier gleichzeitig genutzten Schlägel – meist weich im Bass und hart in den Höhen, aber auch als 1+2+1-Zusammenstellung. Eine vollkommen andere Klangfarbe ergibt sich, wenn die Klangplatten nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Stiel der Schlägel zum Schwingen gebracht werden. Welche Schlägel zu wählen sind und wie sich der perfekte Vibraphonklang anhört, macht sich laut Jürgen Schieber „letztlich am jeweiligen Musikstück fest“.

Jürgen Schieber demonstrierte die klanglichen Auswirkungen unterschiedlicher Anschlagarten und -punkte; besondere Spieltechniken wie das sogenannte „Bending“ wurden ebenfalls in Theorie und Praxis erörtert. Die sich über die gesamte Breite des Vibraphons erstreckende Pedaldämpfung wurde probehalber durch eine selektiv anwendbare Schlägeldämpfung ersetzt. Interessante Wah-Wah-Effekte wusste Jürgen Schieber mit der Hand sowie seiner zu einem Hohlraum geformten Rachenhöhle zu erzeugen – beinahe schon konventionell wirkte im Gegensatz dazu die Klangmodulation durch die sich drehende Vibratowelle. Jürgen Schieber empfiehlt, die Geschwindigkeit des Vibrato-Effekts an das Tempo der Musik anzupassen, weshalb er Instrumente mit stufenlosem Speed-Regler bevorzugt.

Während des Seminars wurden verschiedene Mikrofonierungsansätze vorgestellt – als besonders vielversprechend zeigte sich eine A/B-Anordnung mit zwei Sennheiser-Mikrofonen des Typs MKH 8040.

Mikrofonierung

Mit besonderer Spannung wurde im Anschluss der angekündigte Praxisteil zur Mikrofonierung des Vibraphons erwartet: Im Rock/Pop-Kontext sind Vibraphone eher selten anzutreffen, und auch die am Markt verfügbare Fachliteratur würdigt das Instrument meist nur in einem eng begrenzten Umfang. In der Praxis weit verbreitet ist eine Abnahme des Vibraphons mit einer A/B-Anordnung, bei der zwei Kleinmembranmikrofone in einer Höhe von etwa 70 cm oberhalb der Klangplatten positioniert werden.

Bewährt hat sich eine nierenförmige Richtcharakteristik, gängig bei der Anbringung sind Positionen zwischen erster und zweiter sowie zweiter und dritter Oktave des Instruments – sozusagen eine A/B-Breite von einer Oktave. Die Ausrichtung der Mikrofone erfolgt auf den Bereich zwischen Ganz- und Halbtönen. Ist Publikum anwesend, wird man die Mikrofonständer mit Gedanken an eine freie Sicht auf den Instrumentalisten tendenziell eher seitlich des Vibraphons aufstellen. Wichtig ist, dass der Aktionsradius des Musikers nicht eingeschränkt wird und er sich durch die Mikrofonierung in seinem Spiel nicht beeinträchtigt fühlt.

Interessante Klangergebnisse zeitigte ein Großmembranmodell, das zusätzlich zur aus zwei Sennheiser MKH 8040 (an digitalen Speisemodulen des Typs MZD 8000) zusammengesetzten A/B-Anordnung nahe der Bass-Klangplatten zwischen den Resonanzröhren aufgestellt wurde. Dabei fiel die Wahl auf ein Neumann TLM 103 D, das für spürbar mehr „Wärme“ und „Bauch“ im Klangbild sorgte – der ergänzende Klangaspekt lässt sich am Mischpult stufenlos variieren, bis das richtige Maß gefunden ist. Eine geeignete Tiefpassfilterung kann einem differenzierten Klangbild zuträglich sein. Einigkeit herrschte unter den Seminarteilnehmern darüber, dass das zusätzliche Großmembranmikrofon vornehmlich bei Studioaufnahmen Verwendung finden wird, während im Live-Kontext die einfache A/B-Mikrofonierung bereits sehr gute Dienste leistet.

Unter fachkundiger Anleitung von Marcel Babazadeh und Martin Liermann, Produktmanager der Sennheiser Vertrieb und Service GmbH & Co. KG, wurden die Möglichkeiten einer ganz besonderen Mikrofonierungsvariante erkundet: In Knetgummi gelagerte Sennheiser Miniaturmikrofone des Typs MKE 2 wurden rutschsicher mit Pflaster an Jürgen Schiebers Händen befestigt. Der Gedanke: So nah wie möglich am Geschehen sollte sich diese spezielle Mikrofonierung auch in lauten Umgebungen (Stichwort: Rock-Band plus Orchester) einsetzen lassen. Der auf diese Weise aufgezeichnete Klang war bei der Wiedergabe über zwei Neumann KH 120 A Aktivlautsprecher direkt.

Gastreferent Werner Schmidl brachte den Ursprung-des-Klangs-Seminarteilnehmern seine Philosophie des Mischens näher.

Ohren auf und Augen zu

Als Gastreferent konnte für den achten Ursprung-des-Klangs-Termin Werner Schmidl gewonnen werden. Der sympathische Tonfachmann war in der Vergangenheit bereits für Künstler wie Herbert Grönemeyer, Peter Maffay, Rondo Veneziano, die Harlem Gospel Singers und die Scorpions am Mixer aktiv. Auch die Tabaluga-Tour wurde von Werner Schmidl am FOH-Platz begleitet. Schmidl, der eine klassische Klavierausbildung durchlaufen hat und nach seinem Studium mehr oder weniger zufällig in einem Tonstudio tätig wurde, mikrofoniert und mischt nach eigenem Bekunden „aus dem Bauch heraus“ und formulierte mit Gedanken an die zahlreichen Bildschirme der digitalen Audiotechnik sowie die aktuell in der Branche grassierende Messkurven-Manie ein klares Credo: „Ohren auf und Augen zu.“

Mit zahlreichen Tricks aus seiner langjährigen Praxiserfahrung traf Werner Schmidl den Nerv der Seminarteilnehmer – wer den Live-Betrieb kennt, weiß, dass dort stets ein gerütteltes Maß an Improvisationstalent gefragt ist und die Umgebungsbedingungen nur in seltenen Ausnahmefällen so ideal wie in einem Tonstudio sind. Entsprechend wird allerorts ein bewährter „keep it simple“-Ansatz verfolgt, der potenzielle Fehlerquellen weitgehend ausklammert. Für Experimente ist in einem straff organisierten Tourneeplan ohnehin keine Zeit vorgesehen, und der „Kompromiss aus Theorie und tatsächlichen Gegebenheiten“ ist laut Schmidl tägliche Praxis.

Werner Schmidl berichtete aus seinem Tour-Alltag und wies darauf hin, dass er persönliche Erfahrungen beschreibe und „keine allgemeingültigen Lehrsätze“ aufstellen wolle. Er betonte, dass „guter Sound“ stets eine subjektive Angelegenheit ist: „Optimal ist es, wenn mit dem Sound in der Halle der Geschmack der Mehrheit des Publikums getroffen wird.“ Für Werner Schmidl ist die Arbeit am guten Ton Beruf und Berufung zugleich: „Wir sind Dienstleister, und im Gegensatz zu manch anderen Berufsständen machen wir Menschen mit unserer Arbeit glücklich.“

Ties-Christian Gerdes, Geschäftsführer der Sennheiser Vertrieb und Service GmbH & Co. KG, äußerte sich zur nunmehr achten Station der UdK-Reihe wie folgt: „Im Studio 49 war unter fachkundiger Führung von Bernd Becker-Ehmck einmal mehr zu erleben, wie Materie zu Klang wird. Jenseits ausgesuchter Materialien und hochwertiger Handwerkskunst ist es die Leidenschaft für guten Sound, die uns alle täglich aufs Neue zu Höchstleistungen anspornt – beim Bau hochwertiger Vibraphone ebenso wie bei der Konstruktion exzellent klingender Mikrofone.“

Im Interview erzählte Bernd Becker-Ehmck, Geschäftsführer der Studio 49 Musikinstrumentenbau GmbH, von der Bedeutung des Vibraphons.

Bernd Becker-Ehmck im Interview

Music nStuff: Wie lässt sich der Klang eines Vibraphons am besten charakterisieren?
Bernd Becker-Ehmck:
Das Vibraphon besitzt einen klaren Metallklang, der sich deutlich von dem eines Glockenspiels unterscheidet: Letzteres ist durch einen scharfen Klang geprägt, während das Vibraphon einen wesentlich runderen, wärmeren und länger anhaltenden Ton erzeugt. Metallophon und Vibraphon sind klanglich zwei Welten – das Vibraphon darf vielleicht als Mittelweg zwischen Glockenspiel und Metallophon bezeichnet werden. Prägend für den Klang ist bei einem Vibraphon nicht nur die Konstruktion, sondern auch der individuelle Einsatzzusammenhang; es kommt darauf an, wie und von wem das Instrument gespielt wird. Vibraphone können sowohl rein solistisch als auch begleitend in einem Orchester Verwendung finden. In letzter Zeit wird das Vibraphon in der Blasmusik zunehmend als belebendes Element geschätzt, und im Jazz ist das Instrument ohnehin stark vertreten.

MnS: Bei einer akustischen Gitarre nehmen die verwendeten Hölzer entscheidenden Einfluss auf den Klang des späteren Instrumentes. Wie verhält es sich beim Vibraphon?
BBE:
Bei einem Vibraphon ist der Einfluss des Materials weit weniger ausgeprägt als bei einer akustischen Gitarre – es wird ja nicht aus natürlichen Hölzern, sondern größtenteils aus synthetisch erzeugten Materialien hergestellt. Aluminium ist ein synthetischer Werkstoff, der wesentlich gleichförmiger als Holz beschaffen ist – in puncto Klang kommt es also im Gegensatz zur Gitarre weniger auf den Werkstoff, als vielmehr auf die konkrete Ausformung des Instruments an. Für unsere Konzertmodelle werden Klangplatten mit bis zu 57 mm Breite offeriert, und natürlich muss der Resonator an die Plattenbreite angepasst werden, um das gewünschte Klangvolumen generieren zu können. Je breiter die Klangplatten werden, desto mehr nimmt das Klangvolumen des Instruments zu.

MnS: Auf welche Tonhöhe wird das Instrument gestimmt?
BBE:
Die Stimmung wird in der Regel auf eine Frequenz zwischen 440 und 446 Hz festgelegt, wobei es auch spezielle Anfragen nach einer Stimmung auf 438 Hz gibt. Das Vibraphon weist eine sogenannte Stimmstreckung auf – ähnlich wie bei Konzertflügeln wird die Stimmung gedehnt, wobei die tiefen Töne ein wenig tiefer und die hohen Töne ein wenig höher gestimmt werden, als es rein physikalisch korrekt wäre. Ziel dieser Vorgehensweise ist ein subjektiv als optimal empfundenes Klangbild – es gibt aber durchaus Musiker, die für ihr Instrument ein physikalisch vollkommen exaktes Tuning wünschen.

MnS: Tragen die Schlägel stark zum Klangbild bei?
BBE:
Ja, und sie werden in ganz unterschiedlichen Ausführungen angeboten. Prinzipiell erzeugen weiche Varianten beziehungsweise Ausführungen mit einem weichen Kern viel Grundton, wobei die Obertöne weniger stark hervortreten. Harte Schlägel hingegen sorgen für wesentlich mehr Obertöne. Es gibt Spieler, die für jedes Stück ein anderes Paar Schlägel mit unterschiedlichen Härtegraden wählen. Dabei verhält es sich so, dass der Schlägel gerade bei höheren Tönen härter sein muss, wenn eine gewisse Lautstärke gefordert ist; eine sehr weiche Ausführung wird mitunter einfach nicht genügend Klangkraft erzeugen können.

MnS: Für Laien stellt sich die Frage, ob das Vibraphon als mehrtöniges Aufschlagidiophon eher perkussiv oder eher melodiös einzuordnen ist.
BBE:
Sowohl als auch: Ein Vibraphon lässt sich als reiner Melodieträger spielen, während ein kräftiges Dämpfen in Kombination mit einem Handeinsatz das Instrument extrem perkussiv klingen lässt. Es liegt am Künstler, in welche Richtung er das Klangbild formen möchte. Es kommt sogar vor, dass das Vibrato des Instruments durch fächernde Handbewegungen oberhalb der Klangstäbe verstärkt wird, und es gibt Jazzvirtuosen, die den Klangstab an dessen Stirnseite mit einem Violinbogen streichen, um auf diese Weise einen modulierbaren, melodiösen und lang anhaltenden Ton zu erzeugen.

Das Video zu Ursprung des Klangs im Studio 49:







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