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Buchrezi: Wir hatten Sex in den Trümmern und träumten …

Pop's Not Dead

Norbert Diedrich am 16.07.2014

Pop's Not Dead

Musik im Allgemeinen und Pop im Speziellen ist etwas, das einfach immer da zu sein scheint – wie das Wetter und die Schwerkraft. Doch auch die Popmusik ist stetigem Wandel ausgesetzt – und wird von einigen schon für nahezu tot erklärt. Dass dem nicht so ist, zeigen Tim Renner und Sarah Wächter in ihrem Buch „Wir hatten Sex in den Trümmern und träumten – Die Wahrheit über die Popindustrie“.

„Die Musik lag in Trümmern und wir träumten von Sex“, das ist nicht nur Dekonstruktion (des Buchtitels), sondern auch das Bild, das ich im Kopf hatte, wenn es um den Zustand der Popmusik ging – bis zu diesem Werk. Vorweg: Die Wahrheit über die Popindustrie ist ... oder besser, die Wahrheit über Popmusik ist: Sie lebt! Und das ist die wahrscheinlich wichtigste komprimierte Botschaft, die sich den Erkenntnissen von Tim Renner und Sarah Wächter entnehmen lässt. Das war meiner Meinung nach nicht unbedingt zu erwarten!

Pop vom Mythos über die Musik bis in die Wissenschaft. Es gab schon immer Viele, die Popmusik bzw. Erfolge der Popmusik – also, dass was man sowieso überall nachlesen kann – beschreiben konnten. Und ‚beschreiben’ wurde dann nicht selten auch als ‚erklären’ verkauft. Das ist oft einfach, das ist manchmal billig, das ist legitim. „Wir hatten Sex in den Trümmern und träumten“ geht weit darüber hinaus. Um Popmusik (Sammelbegriff für spartenübergreifende populäre Musik abseits Jazz, Klassik und Kirchenmusik) zu verstehen, gehen die Autoren zuerst einmal theoretisch (nicht musik-theoretisch) an das Themenfeld heran. Dazu gehört die Beschäftigung mit dem Mythos, der Bedeutung von Bildern oder auch der Schaffung von Nähe zwischen Künstler und Publikum.

Auch in Beispielen für Produktion, Mediennutzung, Erfolge und Misserfolge gehen Renner und Wächter weit über die chronologische Beschreibung von Beispielen hinaus. Der Umgang der Band Rammstein mit großen Bildern etwa, die Motivation und das Geschäftsmodell dahinter nehmen einen nicht unerheblichen Platz im Reigen der zahllosen Beispiele ein. Dabei wird auch vor dem Schritt in die Wissenschaft nicht haltgemacht. Begriffe wie Pictorial-, Image- oder Iconic-Turn stehen für die philosophische und kunsthistorische Perspektive auf die wachsende Bedeutung des Bildes. „Das Geschehene wird schneller begriffen als das Gelesene.“  Ja, all’ sowas kann man in diesem Buch lesen.

Die Autoren des Buches, Sarah Wächter und Tim Renner

Qualität durch klare Meinungen

Die Qualität, mit der Renner und Wächter all’ das tun, zeigt sich unter anderem in der Vermeidung geschmacksimmanenter Wertungen. Selbstverständlich werden im späteren Verlauf des Buches eindeutige Positionen zu GEMA & Co. angeboten! Aber ebenso wird mit sich mit persönlichem Geschmack, etwa bei Castingshows und deren „Ergebnissen“ zurückgehalten. Analyse geht vor. „Absurderweise geht es bei der voyeuristischen Fernsehshow aus dem australischen Busch eigentlich um genau das, was Popmusik ausmacht: ein Leben jenseits der Perfektion.“ (Anm. d. A.: „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“, RTL) Stilistisch für mich ein Leckerbissen.

Ein weiteres großes Plus von „Wir hatten Sex in den Trümmern und träumten“ scheint mir in der Fähigkeit der Autoren zu liegen, Argumentations- und Verständnisketten durch die Kombination unterschiedlichster Künstler bzw. derer Geschäfte und Ansichten zu verdeutlichen. Ein Beispiel: David Bowie gilt von je her als Prototyp des künstlerischen Visionärs. „Musik wird so etwas werden wie fließendes Wasser und elektrischer Strom“ (David Bowie, 2002). Ja, die Erfolge von Streaming-Diensten wie Spotify legen diese Vision nahe. Und wer zweifelt ernsthaft an Bowies Visionen? Dem gegenübergestellt wird dann zum Beispiel der junge Lars Lewerenz und sein noch jüngeres Label Audiolith. Geschäftsmodell: Freundschaft!

Audiolith arbeitet wie ein klassisches Label, man kümmert sich um alles: Label, Verlag, Booking, Merchandise etc. Aber die Grundlage ist persönliches Engagement. Da wird auch schon mal auf dickes Vertragswerk verzichtet. Offenheit und Transparenz charakterisieren hier das Geschäftsmodell. Wo, bitteschön, ist denn so etwas heutzutage denkbar!? Aber es funktioniert. Und dafür hat man nicht das Rad neu erfinden müssen! Beispiel Merchandise. Das ist mittlerweile das erfolgreichste Geschäftsfeld des Labels. Genau wie bei Pink Floyd. Die Band ist seit fast 20 Jahren Geschichte – aber über die Band-Website werden immer noch derartige Massen an T-Shirts verkauft, dass einem die Augen feucht werden. Die dahinter stehenden Gesetzmäßigkeiten und noch vieles mehr wird mit diesem Buch einfach großartig erklärt.

Ein Buch für die, die bluten ...

„Für alle, die ihr Blut auf dem Feld der Unterhaltung vergossen haben“, so steht es als Widmung geschrieben. Bemerkenswert, dass hier nicht vom ‚Schlachtfeld’ die Rede ist. Aber das Buch will ja keinen Krieg mit der Popindustrie. Das hat es auch gar nicht nötig. Und genau für diejenigen, die ihr Herz beruflich oder privat an Popmusik verloren haben, ist dieses Buch ein Muss. Tim Renner und Sarah Wächter haben nicht nur Erfahrungen zusammengetragen, sondern sorgfältig recherchiert, zusammengetragen, zitiert, gegenübergestellt, verargumentiert und geschlussfolgert.

„Wir hatten Sex in den Trümmern und träumten“ ist kein Handbuch. Es ist eine wissenschaftlich und auch journalistisch tragfähige Geschichte der neueren Popmusik aus deutscher Perspektive. Es ist ein Sachbuch in bester Manier des Storytellings. Dabei gelingt es den beiden sogar, selbst Leser wie mich zu fesseln, deren persönlicher Musikgeschmack oft kilometerweit an dort genannten Beispielen vorbeifliegt. Man muss auch nicht zwingend vorne anfangen und sich nach hinten durcharbeiten. Das mag manche beruhigen. Die meisten Kapitel bieten auch in sich schlüssige Aussagen und somit einen ganz eigenen Mehrwert.

Weitere Infos zum Buch und Leseprobe:

www.berlinverlag.de/buecher/wir-hatten-sex-in-den-truemmern-und-traeumten-isbn-978-3-8270-1161-9


Ein überaus interessantes und spannendes Interview mit Tim Renner findest du hier.







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