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Interview: David Guetta

Stillstand ist der Tod

Steffen Rüth am 23.11.2014

Stillstand ist der ...

Der Franzose David Guetta gilt als einer der erfolgreichsten DJs der Welt und hat sich auch als Produzent weltweit einen sehr guten Namen gemacht. Nun steht die Veröffentlichung seines neuen Albums „Listen“ an, auf dem der ehemalige Partykönig deutlich gereift und viel songorientierter als früher zu Werke geht. Wir trafen David in Berlin zum Interview.


Schon die 2014er Spätsommersingle „Lovers On The Sun“, auf der Nachwuchssänger Sam Martin aus New York seinen Einstand gab und Kollege Avicii an der Komposition mitwirkte, verlief für David Guettas Verhältnisse in eher besinnlichen Bahnen. Weniger House, langsamere Beats, mehr Gesang und vor allem mehr Melodie – das war die Devise auf „Lovers“, und das ist auch überwiegend der Ansatz für „Listen“, das sechste Studioalbum des französischen Superproduzenten und -DJs. Auch „Dangerous“, der aktuelle und wieder von Martin gesungene Hit, ist klar songorientierter  als die meisten früheren, von Euphorie und pulsierenden Klängen getragenen Guetta-Tracks. Zwar zieht das Tempo auch mal an, aber wie der Titel schon andeutet, geht es dem Franzosen diesmal nicht um die Brechstange, sondern um die filigraneren Elemente. Weitere Kollaborateure wie John Legend, Emeli Sandé, The Script oder Nico & Vinz (sowie die unvergleichliche Sia, die auf zwei Nummern singt) stehen für tanzbar-kompositorische Top-Qualität. Wir unterhielten uns mit David Guetta im „Soho House“ in Berlin.

People nStuff: David, wann hast du das Album vollendet?
David Guetta:
Vor zwei Tagen. Verrückt, oder? Jeden Tag dachte ich, es sei endlich fertig, aber dann gab es doch immer wieder Kleinigkeiten, die ich ändern musste und ändern wollte. Am Ende war ich ziemlich gestresst, weil auch mein Label wegen der Verspätung extrem zu nerven begann und mich täglich anrief. Jetzt endlich ist es fertig, und ich bin sehr glücklich.

PnS: Hört sich an, als seiest du entweder ziemlich unorganisiert bei der Arbeit oder aber ein Perfektionist.
David:
Wahrscheinlich bin ich eine Mischung aus beidem. Ein perfektionistischer Chaot. Hätte mir mein Label keine Deadline gesetzt, wäre ich wahrscheinlich noch zwei Jahre mit dem Album beschäftigt.

PnS: Was hast du gemacht, als „Listen“ fertig war?
David:
Kurz geschlafen und dann bin ich hierher gekommen. Weil ich so spät dran war, musste ich direkt mit der Promotion anfangen.

So kennen und lieben seine Fans David Guetta: Wenn er die Halle zum Beben bringt.

Neuer Sound

PnS: Die Richtung des Albums ist eine ganz andere als auf dem Vorgänger „Nothing But The Beat“.
David:
Oh ja. Ich habe drei Jahre an der Platte gearbeitet und wollte von Anfang an mit einem neuen Sound überraschen. Ich denke, das ist auch meine Verantwortung als DJ und Produzent. Besonders „Dangerous“ ist ganz anders als sonst. Überhaupt ist das komplette Album wirklich songorientiert, selbst wenn es auch viele schnellere Stücke als „Dangerous“ gibt.

PnS: War deine Arbeitsweise eine andere als zuvor?
David:
Ja. Ich habe viel mehr Zeit und Mühe in den eigentlichen Songwriting-Prozess investiert. Anstatt Songs auf meine besten Beats zu schreiben, produzierte ich dieses Mal zunächst die Songs und nahm erst dann die Beats dafür auf. Es war also umgekehrt wie sonst.

PnS: Musstest du dich an diese Vorgehensweise gewöhnen?
David:
Ja, natürlich. Aber das ist doch genau das Spannende. Ich liebe Musik, weil du immer dazulernen kannst, wenn du das willst.

PnS: Du sagst, es sei deine Verantwortung immer Neues zu machen. Warum?
David:
Was mich als DJ am Musikmachen begeistert, war immer: Beats zu kreieren, die vorher nicht existierten. Und eine andere Art von Musik zu spielen als die, die alle anderen spielten. Wenn ich also ein Album mache, ist der springende Punkt der, dass ich zumindest musikalisch etwas zu sagen habe. Denn sonst wäre ich kein Künstler, sondern nur eine Art ausführender Produzent.

PnS: Du führst ja seit Jahren ein jetsettendes, rastloses Leben …
David:
Jetsetter? Nein, ich bin kein Jetsetter.

PnS: Na komm, du hast doch sogar dein eigenes Miet-Flugzeug, um von Termin zu Termin zu hetzen?
David:
Eben. Jetsetter hüpfen von einer Party zur nächsten, bloß zum Spaß. Ich aber bin fast immer am Arbeiten, das ist ein riesengroßer Unterschied. Natürlich feiere auch ich Partys, aber es ist immer auch Arbeit. Ich habe ein phantastisches Leben, ich will mich nicht beschweren, aber ich bin echt ein Arbeitstier. Ich stehe immer unter Druck abliefern zu müssen.

PnS: Trotzdem ist es natürlich angenehmer mit dem Privatjet von, sagen wir, Las Vegas nach Ibiza zu fliegen.
David:
Nein, nein, für Interkontinentalflüge benutze ich normale Flugzeuge. Das wäre sonst nicht zu bezahlen. Den Jet nehme ich nur innerhalb Europas oder innerhalb der USA.

Auf „Listen“ präsentiert sich David Guetta überraschend Song-orientiert und poppig.

Inspiration durch Ruhe

PnS: Wie kommt ein so ausgelasteter Mann wie du überhaupt auf neue Songideen?
David:
Ich nehme mir zwei bis drei Monate im Jahr, meist in Los Angeles, in denen ich nicht reise, sondern die ich ausschließlich im Studio verbringe, um Songs zu schreiben und zu produzieren. Das kann ich zwar auch unterwegs machen, aber ich will nicht auf Tour sein, während ich an den Songs feile und sie vollende.

PnS: Kannst du dich schnell umstellen vom Leben unterwegs auf so eine häusliche, kreative Situation? Manche Musiker drehen dann ja durch, weil plötzlich das Adrenalin der Auftritte fehlt.
David:
Für mich ist das kein Problem. Ich genieße es, jeden Morgen zur selben Zeit aufstehen zu können und kein Flugzeug nehmen zu müssen. Das ist Luxus für mich. Letzten September habe ich jeden Donnerstag in Ibiza gearbeitet und jeden Freitag in Vegas, der Jetlag war wirklich extrem und erschöpfend. In so einer Phase ist es nicht möglich wirklich zu denken und in sich zu gehen. Persönliche Songthemen oder intensive Arbeiten mit anderen Künstlern sind nur möglich, wenn ich durchatmen kann.

PnS: Inwiefern sind die neuen Songs persönlicher?
David:
Dafür hat mein Leben gesorgt. Jahrelang drehte sich bei mir alles um „Hey, Party“. Mein Leben war wie der Song der Black Eyed Peas, an dem ich mitgearbeitet habe: „I gotta feeling, tonight’s gonna be a good night“. Oder auch „Sexy Bitch“, Mann, das war der Soundtrack meines Lebens. Naja, zuletzt nicht mehr so. Mein Leben war in den vergangenen ein, zwei Jahren nicht so einfach und unbeschwert.

PnS: Deine Frau und du, ihr habt euch getrennt.
David:
Hmm, leider ja. Wir haben zwei Kinder zusammen, Tim ist zehn, Angie ist sieben, das ist für kein Paar einfach, so eine Situation durchzustehen. Aber ich würde nicht so weit gehen, dass „Listen“ ein trauriges Trennungsalbum ist. Die meisten Songs sind immer noch positiv, ich bin ein DJ, meine Aufgabe ist es, die Menschen zum Tanzen zu bringen – nur dieses Mal ist es vielleicht ein Tanz mit einer Träne im Auge.

PnS: War die Trennung gut fürs Schreiben?
David:
Nicht, dass ich mir diesen Mist gewünscht hätte, aber für die Songs ist so etwas natürlich eine unbezahlbare Inspiration.

David Guetta sieht sich nicht als der Typ auf der Bühne – er will einfach gemeinsam mit den Fans Party machen.

Der geilste Job der Welt

PnS: Was empfindest du, wenn du als DJ im Club oder auf einem Festival stehst und zehntausend Leute sich zu deinen Beats bewegen? Es fällt auf, dass du beim Auflegen immer ein Lächeln im Gesicht hast.
David:
Na, weil es der geilste Job der Welt ist. Ich sehe mich nicht als den Typen da oben. Ich fühle mich eher als einer von allen, als ein Kerl, der Spaß haben und tanzen und Party machen will. Ich bin überzeugt, dass mein Erfolg sehr viel mit meiner Verbindung zu den Leuten zu tun hat. Ich bin kein arroganter Sack, ich bin nur der Typ, der die Musik macht und diese unbändige Leidenschaft hat. Was ich hier mache, das ist einfach seit über 20 Jahren mein Lebensinhalt, ja, mein Leben.

PnS: Der DJ als großer Menschenverbinder?
David:
Ein Klischee, ich weiß. Aber es ist so. In meine Shows kommen alle – jung, alt, reich, arm, homo, hetero, weiß, schwarz, das ist alles völlig egal.

PnS: Diese ganze House- und Dance-Szene wird immer größer und erfolgreicher?
David:
Ja, es ist gigantisch geworden. Ein echtes Monster (lacht). Und ich sage voraus, wir sind noch nicht auf dem Höhepunkt. Das Spektakel wird noch mächtiger werden.

PnS: Denkst du manchmal „Mensch, ich habe dieses Monster überhaupt erst geschaffen“?
David (überlegt):
Sagen wir, ich habe dazu beigetragen. Es ist eine meiner Lebensleistungen, dass unsere Musik den Crossover geschafft hat und heute so respektiert wird wie Rock oder Hip-Hop. Ich bin einer der Menschen, die das geschafft haben. Aber jeder von uns bringt ein paar Steine, um das Haus zu bauen.

David Guetta hat immer ein Lächeln auf den Lippen – kein Wunder, wenn man den laut eigener Aussage geilsten Job der Welt hat.

Gesunde Konkurrenz

PnS: „Lovers On The Sun“ ist eine Gemeinschaftsarbeit mit Avicii – einem deiner größten Konkurrenten. Erstaunlich, oder?
David:
Ja, so etwas unterstreicht und beweist, dass wir keinerlei Probleme miteinander haben. Es ist schon witzig, die Leute denken alle „Huuh, die müssen sich hassen und ohne Ende belauern, wer gerade den größten Hit hat“, und ja, es ist wahr, wir sind in einer Konkurrenzsituation. Aber ich spiele House Music seit 1988, damals sprachen die Medien nicht über uns, das Radio spielte uns nicht. Ich war immer sicher, je mehr Künstler in unserem Genre erfolgreich sind, umso größer wird das Genre insgesamt. Dieser Auffassung bin ich nach wie vor. Wenn Avicii also einen Hit hat, wenn Calvin Harris einen Hit hat, dann bin ich glücklich. Wir alle sind auch Freunde, wir arbeiten zusammen, der Vibe ist echt gut. Ich empfinde keine Eifersucht. Zumindest zwischen uns, ich sage mal, hohen Tieren des Dance gibt es keinen Neid. Wir ziehen alle am selben Strang und sind entspannt genug, auch den anderen etwas zu gönnen. Denn noch einmal: Je größer die Stücke sind, die jeder von uns backt, desto größer wird der Kuchen.

PnS: Ist es für dich als House-Ikone maßgeblich vorne zu bleiben und den Takt vorzugeben?
David:
Ja, schon. Mir bleibt auch keine andere Wahl. Wer keine Risiken eingeht und immer nur denselben Stiefel runterproduziert, der wird nach und nach weniger sichtbar. Mich persönlich würde diese Art der künstlerischen Besitzstandswahrung sehr unglücklich machen.

PnS: Bist du denn jetzt wieder glücklich?
David:
Naja, ich bin auf einem guten Weg.

PnS: Wird der Dance Music Boom irgendwann wieder verschwinden?
David:
Ich hoffe nicht. Das geht ja schon eine ganze Weile so. Ich habe mich zu Anfang meiner Laufbahn, in den frühen Neunzigern, lange mit David Morales unterhalten. Das war einer der Pioniere und vielleicht der erste House-DJ mit massivem Mainstreamerfolg. Er sagte mir, er müsse jetzt echt mal Kohle verdienen, denn in drei bis fünf Jahren würde sich niemand mehr für House interessieren. Wie gesagt, das war vor mehr als 20 Jahren (lacht). Und heute sind wir größer und mächtiger als je zuvor.

PnS: Woran liegt das?
David:
Die Menschen werden, so lange es sie gibt, immer tanzen wollen.

Einen guten Eindruck von David Guettas neuem Sound bekommst du beim aufwändigen Video zu „Dangerous“:




Weitere Infos: David Guetta
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