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Interview: Bob Clearmountain

Voller Einsatz für besten Sound

Jan Hoffmann am 08.04.2015

Voller Einsatz für ...

Es gibt nur wenige Tontechniker und Produzenten, die einen so legendären Ruf haben wie Bob Clearmountain. Kein Wunder, hat er doch schon mit Künstlern wie The Rolling Stones, Bruce Springsteen, Bryan Adams oder Robbie Williams gearbeitet. Und auch in die Entwicklung neuer Produkte bei Apogee ist er involviert. Wir trafen ihn in der Firmenzentrale mit dazugehörigem Studio und führten ein ausführliches Interview.

Für Musikfans stehen natürlich die Musiker im Rampenlicht, aber für Musiker und vor allem Tontechniker haben die Studioikonen, die legendären Alben einen einzigartigen Sound verpassen, einen mindestens ebenso hohen Stellenwert. Schließlich scheinen die Klangzauberer über unglaubliche Fähigkeiten zu verfügen.

Wir hatten das Glück bei unserem Besuch bei Apogee in Kalifornien Bob Clearmountain kennenzulernen, der seit Jahrzehnten in der ersten Liga der Audio Engineers mitspielt. Dass wir ihn dort trafen war kein Zufall, schließlich ist er eng mit dem Unternehmen verbunden und gab nahezu von Beginn der 30-jährigen Firmengeschichte an seinen Input um die bestmöglichen Produkte zu erschaffen. Netterweise gab er uns später noch Gelegenheit für ein ausführliches Interview. Und dieser legendäre Tontechniker hat viel Interessantes zu erzählen.

People nStuff: Hallo Bob, kannst du uns zunächst mal erzählen wie du zur Tontechnik gekommen bist? Soweit ich weiß passierte das ja mehr oder weniger zufällig.
Bob Clearmountain:
Als Teenager spielte ich Bass in einer Cover Band aus Connecticut – und ich interessierte mich schon immer fürs Recording so lange ich denken kann. Ich war auch immer derjenige in der Band, der für Aufnahmen und Konzerte zuständig war. Während wir Demos in einem New Yorker Studio namens „Mediasound“ aufnahmen hat sich die Band aufgelöst. Ich habe mich dann mit einigen Mitarbeitern des Studios angefreundet und versuchte sie davon zu überzeugen mich anzustellen. Und etwa sechs Monate später taten sie es. Ich wurde mit 19 Jahren eigentlich nur als Bote angestellt worüber ich schon echt glücklich war. Aber dann stellte sich heraus dass sie eigentlich keinen Runner brauchten und so wurde ich nach einer Stunde (und einer Besorgung) zum Assistenten befördert.

Bob Clearmountain schwört auf die Kombination feinster digitaler und analoger Komponenten.

Aus analog wird digital

PnS: Du hast mit analogen Geräten Aufnehmen und Mischen gelernt, warst aber  immer ganz vorne mit dabei, was die digitale Tontechnik betrifft. Denkst du es war gut, dass du die Basics ganz old school gelernt hast. Und was hat dich so an den ersten digitalen Geräten begeistert?
Bob:
Ja, ich glaube es war gut dass ich das Aufnehmen mit analogen Bandmaschinen gelernt habe. Aber ich war auch echt froh als es dann toll klingende, Apogee-gestützte Digitalaufnahmegeräte gab. Damals in den 1970ern waren die ersten digitalen Geräte Digitaldelays und der Eventide Harmonizer. Die digitalen Delays waren fantastisch, weil es kein Tape mehr gan, dass sich abnutzen konnte oder zurückgespult werden musste. Und ich habe mit einer Band gearbeitet die unglaublich beeindruckt war als ich das erste mal eine falsche Gitarrennote mit dem Harmonizer geradegezogen habe.

PnS: Heutzutage kombinierst du gute alte Analogtechnik mit modernen Digitalgeräten. Was gefällt dir an dieser Kombination? Und was tragen die analogen Klassiker zu deinem Sound bei, was moderne Digitalgeräte nicht können?
Bob:
Da ist einfach etwas etwas total reizvolles an diesen alten 70er-Jahre-Neve-Geräten – eine gewisse Wärme, Klarheit und Tiefe, die neuere analoge oder digitale Mischpulte scheinbar nur schwer erreichen können. Und die Kombination mit den Apogee-Wandlern ist deshalb so toll, weil diese sehr genau jedes Detail festhalten, insbesondere die Tiefe und Präsenz des Klangs, der selbst bei den besten analogen Bandmaschinen irgendwie verloren geht.  

PnS: Was sind die Hauptkomponenten deines aktuellen Recording- und Mixing-Setups?
Bob:
Also, das Recording-Setup im Apogee Studio ist natürlich das Neve 8068-Mischpult mit zusätzlichen Apogee-Mini-MP-Stereo-Mikrofonpreamps und einigen Vintage-Universal-Audio-Kompressoren sowie einem alten Lexicon 480L (ein legendärer Hallprozessor; Anm. d. A.).

In meinem Mix-Studio „Mix This“ habe ich ein zeimlich einzigartiges SSL-4072.G+-Mischpult. Mein Mehrspur-Rig ist ein Mac-Pro-12-Core-Rechner mit Pro Tools 11 und drei Apogee-Symphony-Interfaces die mir 16 A/D-Inputs und 80 D/A-Outputs bereitstellen. Zusätzlich habe ich ein „Print Rig“ mit einem neuen Mac Pro (der „Tonne“) auf dem ebenfalls ProTools 11 läuft und mit dem ich über ein Apogee-Symphony-8x8-Interface gleichzeitig Stereo- und 5.1-Mixe erstellen kann. Ich habe auch einen ganzen Haufen alter Universal Audio LA-3A- und 1178-Kompressoren, Neve 33609 and SSL Kompressoren, Distressors, Pultec und Avalon EQs und dazu Yamaha-, Lexicon-, Roland- und Eventide-Effektgeräte und noch eine Menge anderen Kram. Die beiden Rigs sind per Timecode mit Avid Sync HD synchronisiert.

Bob Clearmountain gibt seinen Input zu Produkten wie dem Apogee Ensemble – und nutzt sie auch.

Das richtige Feeling

PnS: Du arbeitest sehr eng mit Apogee zusammen. Liegt das daran dass du ein Gear Nerd bist? Und was fasziniert dich so daran neue Audiotools zu entwickeln?
Bob:
Ich bin vielleicht ein Nerd, aber ganz sicher kein Gear Nerd. Mein Studio ist verglichen mit denen meiner meisten Kollegen ziemlich karg. Aber ich hab Spaß daran bei der Entstehung neuer Apogee-Geräte involviert zu sein – oder sagen wir eher meine Gedanken dazu mitzuteilen. Wobei ich sagen muss dass es meistens eher so läuft dass ich einfach sage „Wow, ja, das ist echt cool!“ wenn sie mir neues Zeug zeigen.

PnS: Wie würdest du deinen Mix-Stil beschreiben? Was denkst du was die Leute von dir erwarten wenn sie dich engagieren?
Bob:
Das ist echt schwer zu sagen. Ich glaube sie wollen einfach dass ich ihre Musik genauso empfinde wie sie. Aus dem Grund sehe ich mich auch als eine Art Chamäleon in der Hinsicht dass ich zunächst einmal versuche die Musik und den Mix aus der Sicht des Künstlers und des Produzenten zu betrachten und aus diesem Blickwinkel die Arbeit anzugehen.

PnS: Was ist dir beim Mischen am Wichtigsten? Was versuchst du herauszuarbeiten? Hängt das auch von der Musikrichtung ab?
Bob:
Das hängt wirklich von der Musik ab. Der Text ist für mich ziemlich wichtig, auch wenn ich viele französische und Latin-Künstler mische und leider nur Englisch sprechen und verstehen kann. Aber wenn die Musik gut geschrieben, arrangiert und produziert ist bekomme ich für gewöhnlich eine gute Vorstellung davon worum es geht. Ich konzentriere mich also auf die Lead Vocals und die Geschichte des Songs wenn es denn eine gibt. Die Instrumentierung sollte den Song nach vorne bringen und nicht von ihm ablenken.

Bei weitem nicht jeder ist laut Bob Clearmountain für den Job des Tontechnikers geeignet.

Tipps vom Meister

PnS: Welchen Rat kannst du angehenden Tontechnikern geben? Und was sind für dich die wichtigsten Werkzeuge (mal abgesehen von den Ohren)?
Bob:
Zunächst mal solltest du dir ziemlich sicher sein dass du gut darin sein wirst. Denn das Internet hat – gemeinsam mit Idioten die meinen dass Musik umsonst sein sollte – das Recording Business ganz schön verkleinert, es gibt einfach nicht mehr so viele Aufträge zum Aufnehmen oder Mischen. Wenn du also schon versucht hast Freunde von dir aufzunehmen und zu mischen und du es einfach nicht wirklich hinbekommen hast – DANN LASS ES! Such dir etwas anderes in dem du gut bist. Wenn du dich zum Beispiel zwischen Tontechnik und einer Karriere als Tennisprofi entscheiden musst bist du beim Recording einfach falsch.Ich haben viele Jahre damit verbracht zu lernen wie man mischt (und ich lerne übrigens immer noch dazu), und ich hatte schon eine ziemlich gute Ahnung davon worum es beim Recording geht bevor ich richtig angefangen habe da ich schon immer davon besessen war. Zudem ist es zwingend erforderlich dass du Ahnung von Musik hast. Wenn du noch nie ein Instrument gespielt hast würde ich vorschlagen dass du lieber etwas anderes machst.

Wenn dir das alles klar ist solltest du dir eine gute Schule für Tontechnik suchen. Falls du dir das nicht leisten kannst, dann besorg dir ein kleines ProTools- oder Logic-Setup – am besten beides. Falls du selbst kein Künstler oder Komponist bist und ausschließlich aufnehmen und mischen möchtest könnte ProTools die bessere Wahl sein, weil mehr Produzenten nach einem guten ProTools-Typen suchen. Lies dann alles was du zu ProTools (oder Logic) in die Finger bekommst und nimm dich selbst und befreundete Bands auf, egal wie schlecht sie sind. Besuch ProTools- und Logic-Kurse, sei aufmerksam und mach dir Notizen. Verbring so viel Zeit wie möglich damit das Aufnehmen und Mischen der Spuren zu üben. Hoffentlich findest du dann irgendwann eine Band die nicht genug Geld für ein großes Studio hat (davon gibt es echt viele!) und die Hilfe dabei braucht ein unglaubliches Demo aufzunehmen mit dem sie dann einen fetten Plattenvertrag bekommen – und dann kannst du deren großes Hitalbum aufnehmen und mischen.

Auch Produkte wie der Apogee Groove haben für Bob Clearmountain durchaus ihre Berechtigung.

Ein positiver Ausblick

MnS: Viele beklagen sich ja darüber, dass die Soundqualität von Alben prinzipiell immer schlechter wird (wegen Loudness War, Streaming, mp3 usw.). Siehst du das auch so?
Bob:
Ja, bei der Sache mit den Loudness War stimme ich zu (dabei geht es um denn allgemeinen Trend dass Aufnahmen immer mehr komprimiert werden um sie lauter wirken zu lassen – was dann zu immer gleichförmigem Sound und fehlender Dynamik führt; Anm. d. A.). Vielleicht habe ich es ja falsch verstanden, aber ich bin mir ziemlich sicher dass die meisten Abspielgeräte einen Lautstärkeregler haben. Ich sehe also keinen Grund dafür alles weiter aufzudrehen und die Dynamik zu reduzieren, nur damit alles lauter ist. Eine andere Sache die die Klangqualität in der Popmusik zerstört ist der zu intensive Einsatz von Pitch-Korrektur-Software wie Autotune und Melodyne. Für meine Ohren sind das auch Quellen von Verzerrungen. Abgesehen von den Verzerrungen, die sich mit sich bringen wenn sie zu intensiv eingesetzt werden – was meistens der Fall ist –  scheinen sie das Lebendige aus dem zu saugen was eine perfekte Vocal Performance gewesen sein könnte. Abgesehen davon machen sie oft aus einer Performance, die man ablehnen sollte, etwas, was gerade noch so durchgeht. Ich weiß nicht was schlimmer ist.

Ich hoffe dass die Hörer einfach genug von verzerrter, zweidimensionaler Musik haben die völlig ohne Dynamik ist und bei der der Gesang eher nach einem Computer als nach einem Menschen klingt und nach etwas Besserem verlangen. Aber davon ausgehend wie sich die Dinge bisher entwickelt haben bin ich da nicht so opimistisch.

PnS: Wie siehst du die Zukunft des Audio Engineerings? Wird alles noch digitaler, kleiner und mobiler werden?
Bob:
Für viele wird das sicher so sein. Aber ich glaube es wird auch weiterhin Leute geben die in richtigen Studios mit professionellen Produzenten und Technikern aufnehmen wollen – und einige werden sich das auch irgendwie leisten können.







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