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Interview: Backliner Tim Wenzlick

One-Way-Ticket nach Europa

Norbert Diedrich am 28.11.2013

One-Way-Ticket nach ...

Sie sind die stillen Macher, die nach außen mysteriösen Schatten, die Kult beladenen Handwerksmeister des Rock 'n' Roll, dürfen in keinem Rock-Streifen fehlen, sind cool, trinkfest, Ölverschmiert, nie beunruhigt, allwissend und unverwundbar: Backend-Techniker! Soweit das Klischee ...

… Kommen wir vom Klischee zu jemandem, der diesen Job seit Jahren professionell ausführt. Tim Wenzlick betreut in diesem Jahr unter anderem die schwedischen Band Friska Viljor, die in Bielefeld für ein Konzert zu Gast waren. Der Mann war zwar weder dreckig noch unverwundbar – bei allwissend sind wir uns aber schon nicht mehr so sicher und ernsthaft beunruhigt können wir uns den Mann überhaupt nicht vorstellen. Wir traf den Backline-Techniker zu einem persönlichen Gespräch.

People nStuff: Wie bist du eigentlich dazu gekommen, als Backliner zu arbeiten? Hast du eine Ausbildung zum Musik- oder Tontechniker gemacht?

Tim Wenzlick: Na ja, ich komme aus Auckland, Neuseeland. Mit 14 habe ich zu trommeln angefangen. Nach der Schule habe ich in verschiedenen Musikgeschäften gearbeitet und mit 18 begonnen, als Techniker auf Veranstaltungen Geld zu verdienen. Eine klassische Berufsausbildung habe ich nicht. Und mit 22 wollte ich aus Neuseeland weg. Über Kontakte in der Musikindustrie bin ich mit einem One-Way-Ticket nach Europa geflogen. Der Rock 'n' Roll hatte mich infiziert! In so einem kleinen, abgelegenen Land wie Neuseeland kann man keine entsprechende Karriere machen. Ich wollte den Rock 'n' Roll leben. (lacht)

Tja, für das Flugticket hab ich mein Drumset verkauft. Anschließend flog ich nach London, obwohl ich dort niemanden kannte. Zum Glück traf ich direkt die richtigen Leute und konnte sofort arbeiten. Die allererste Band waren Dirty Pretty Things um die Libertines-Mitglieder Carl Barât und Gary Powell. Ich war quasi bei deren Gründung dabei und habe die nachfolgenden drei Jahre bis zu ihrer Auflösung 2008 für sie gearbeitet.

Danach lief alles über Mund-zu-Mund-Propaganda. Mando Diao hatte die Dirty Pretty Things in England supportet. Nach deren Auflösung 2008 – ich war mittlerweile nach Hamburg gezogen – bekam ich einen Anruf von Mando Diao: „Hey, wir brauchen einen Drum-Techniker. Wie sieht's aus? Wir wollen dich haben.“ So kamen immer mehr Bands hinzu, wie Mogwai, The Charlatans, Grace Jones, The Black Keys etc. Das lief alles über direkte Kontakte, Visitenkarten, Empfehlungen.

Klar war es ein großes Risiko, einfach alles auf eine Karte zu setzen. Aber Risiken kann man eingehen, wenn man etwas wirklich will. Es war der bis jetzt größte Schritt in meinem Leben, vom anderen Ende der Welt rüberzukommen. Aber letztlich sage ich heute, es war wahrscheinlich das Beste, was ich je in meinem Leben tun konnte.

Als Drummer bereitet Tim der Drumcheck keine Probleme.

Techniker oder Musiker?

PnS: Du bist ja eigentlich Drummer. Wolltest du denn von vorneherein Techniker werden – warum nicht Musiker?

Tim: Sagen wir es so: Ich wusste generell, wo ich hin wollte – in die Rockmusikbranche. Aber ich war nicht ausschließlich darauf fixiert, nur Musiker sein zu wollen. Das hätte mich bei meinen ersten Kontakten nur ausgebremst. Tatsächlich hat es sich einfach so ergeben. Ich war bei vielen Gigs und Events dabei und habe durchs Zuschauen und Mitarbeiten immer mehr gelernt. Wie wird ein Konzert aufgezogen, wie wird alles organisiert, wie bewegen sich Musiker und Bands in einem professionellen Umfeld? Am Ende fand ich die technische Seite einfach faszinierend. Aber auch das ist ja kein Dogma. Sollte sich jemand für mich als Schlagzeuger interessieren – hey! Ich bin selbständig, ich bin offen, ich bin  Profi.

PnS: Bist du aktuell denn im Besitz eines Drumkits?

Tim: Privat habe ich momentan ein Pearl-Masters-Drumkit mit einer Ludwig-Supraphonic-Snare, ganz tief gestimmt, alles etwas in Richtung John-Bonham-Sound. Sonst keine Extras, keine Double-Bassdrum – einfach ein klassisches Straight-Forward-Akustikset. Vom ehemaligen Drummer der Libertines bekam ich einen kompletten Satz Becken und über Mando Diao, die von Yamaha supportet werden, konnte ich netterweise auch noch etwas Hardware abstauben. Hat mir einiges an Geld gespart. Endorsements habe ich nicht. Aber, wer immer mir etwas geben möchte ... (lacht)

Wenn auf Tour etwas kaputt geht, muss Tim als Backliner es sofort reparieren.

Alles auf eine Karte

PnS: Bei aller Romantik, einem One-Way-Ticket nach London, sofort die richtigen Kontakte, direkt On-The-Road – kann man alles in deinem Job ohne theoretischen Background lernen, ohne Ausbildung? Würdest du deinen Weg empfehlen?

Tim: Nein. (zögert) Nein, ich würde ihn nicht empfehlen. Ich merke schon, dass mir einiges fehlt, was ich mir durch eine gute Ausbildung zumindest schneller hätte draufschaffen können. Alleine durchs Zuschauen oder Mitnehmen, was dir andere Leute erzählen, kannst du sicher nicht Tontechniker werden.

Auf der anderen Seite kannst du aber auch einen Job wie meinen nicht durch eine klassische Ausbildung lernen. Erfahrungen haben für einen Backliner einen ganz anderen Stellenwert. Wer weiß, vielleicht mache ich in Zukunft noch die ein oder andere Ausbildung. Auf dem Level, auf dem ich jetzt arbeite, kommst du eine ganze Weile klar. Aber ich bezweifle, dass es eine ausreichende Grundlage für eine lebenslange Karriere ist. Auch ich schaue immer, wie ich mittelfristig weiter komme. Weniger weil ich muss, sondern weil ich es will. Es ist immer noch die Leidenschaft fürs Musikbusiness und die Offenheit, auch andere Rollen darin zu spielen, da.

PnS: ... also, Backline-Techniker für Mando Diao, The Charlatans, The Black Keys … Das klingt für mich schon nach einer Karriere.

Tim: Ja, aber es ist ein Leben auf Tour. Du bist permanent unterwegs. Und wenn eine Tour vorbei ist, sollte die nächste nicht zu lange auf sich warten lassen. Du musst ja Geld verdienen. Zwischen den Touren bin ich zu Hause, aber ohne gute Ausbildung sind die Möglichkeiten, in Studios zu arbeiten, definitiv begrenzt.

Der Unterschied zwischen Studio- und Tour-Job liegt vor allem darin, dass du live ganz anders beansprucht wirst. Bei Konzerten kann sehr viel passieren, was a) nicht passieren sollte und b) möglichst schnell repariert werden muss. Hier ist viel mehr Improvisation und Organisationstalent unter sehr hohem Zeitdruck erforderlich. Als Techniker in den Studios wird von dir erheblich mehr technisches Know-how verlangt. Dementsprechend haben sich auch meine Kompetenzen über die Jahre ausgerichtet und angepasst.

Tims Rekord für einen Saitenwechsel liegt bei unter einer Minute.

Tagesablauf

PnS: Wie sieht bei dir ein typischer Tag auf Tour aus?

Tim: Wir verbringen viel Zeit im Tour-Bus – wie in einer Sardinenbüchse. (lacht) Je nachdem, wie weit der Weg zum nächsten Gig ist, haben wir manchmal Zeit für ein ruhiges Frühstück. In der Regel sind wir gegen 14 Uhr am Auftrittsort und laden ab. Danach baue ich alle Instrumente und Amps auf der Bühne auf. In einem Fall – wie heute für Friska Viljor – bin ich komplett für alles zuständig. Die Regel ist allerdings, dass vom Veranstalter aus ein, zwei Helfer dabei sind – das ist sehr angenehm.

Der nächste Schritt betrifft die Instrumente. Das geht vom Polieren bis hin zum Aufziehen neuer Saiten für die Gitarren – je nachdem, ob der Musiker das möchte. Im Schnitt werden Gitarrensaiten spätestens nach dem dritten oder vierten Gig gewechselt. Basssaiten wesentlich seltener. Dann nochmal ab auf die Bühne, alle Kabelverbindungen überprüfen und zusammen mit dem Mischer den ersten groben Soundcheck machen.

Mikros, Speaker und Monitore sind – sofern vom Haus gestellt – nicht direkt mein Job. Aber natürlich hat man immer ein Auge auf alles – auch auf das Licht, die Räumlichkeiten etc. Wenn’s nicht läuft, trifft es mich zuerst. Je nach Budget besteht unsere Truppe neben mir aus einem Sound-Engineer, einem Monitor-Engineer, einem Beleuchter, einem Tour-Manager und einem Production-Manager. Alle sind da, um die Band glücklich zu machen. Die bezahlen uns schließlich.

PnS: Wie verhält sich dein Job im Vergleich zu einer „normalen“ Tätigkeit?

Tim: Vom Verdienst her ist es in Ordnung – nehme ich an. Ich hatte noch nie einen „normalen“ Job. (lacht) Ich arbeite über das Jahr verteilt wahrscheinlich nicht durchgehend so viel, wie jemand im Büro. Aber wenn ich arbeite, dann ist das ein Full-Time-Job. Zwölf Stunden sind Minimum. Deswegen brauche ich, wenn ich alleine verantwortlich bin, auch so nach vier bis fünf Wochen mal eine Pause. Das ist auch eine Frage des Umfangs. Eine Band wie Mando Diao hat etwa das Doppelte an Equipment wie Friska Viljor. Das ist eine klassische 4-Piece-Band und in etwa das Maximum, was ich alleine als Techniker guten Gewissens stemmen kann.

Ein Blick auf die Bühne von Friska Viljor.

Arbeit, Arbeit, Arbeit

PnS: Was sind die entscheidenden Faktoren, um als Backliner Erfolg zu haben?

Tim: Um in dieser Branche zu arbeiten, musst du von Beginn an einen perfekten Job machen. Dir Fehler erlauben, alles im Griff haben und versuchen, Leute zu beeindrucken – mit deiner Art. Die persönliche Empfehlung ist das Wichtigste. Überleg mal, wenn du wochenlang mit 16 Leuten unterwegs bist, permanent in einem Bus zusammen hockst, schläfst und isst, dann musst du auch als Typ dafür geeignet sein. Man muss sich zurücknehmen können. Ich sagte ja bereits, es ist ein Full-Time-Job.

Entsprechend dünn gesät ist natürlich auch deine Freizeit. Im Bus gibt's die nicht. Manchmal suche ich mir Momente, etwa beim Stimmen – so wie jetzt (lacht) –, oder ich gehe zwischen dem Aufbau und dem Konzert nochmal eine Stunde vor die Tür. Früher, als ich gerade in Europa angekommen war, habe ich mir auch schon mal die Zeit genommen, bin um 7 oder 8 Uhr aus dem Tourbus, um mir die jeweilige Stadt etwas anzusehen.

PnS: Was ist für dich vom Rock-'n'-Roll-Lifestyle geblieben? Wie definierst du ihn und wo soll er hinführen?

Tim: Na ja, das hat eine berufliche und eine emotionale Komponente. Mein großes Ziel ist es natürlich, für richtige Global-Player wie Metallica oder so zu arbeiten. Weniger des Geldes wegen, mehr wegen der Erfahrungen, wenn man in großen Stadien, auf großen und berühmten Bühnen arbeiten kann. Erfahrungen, die man dort sammelt, sind unbezahlbar. Auf der anderen Seite ist es dann aber in der Regel so, dass du dich abseits der Bühne nur in irgendwelchen Katakomben aufhältst. Da ist sonst keiner, niemand, mit dem man sich unterhalten kann.

Das ist auf Touren wie hier mit Friska Viljor anders. Bei dieser Größenordnung kommst du mehr mit Menschen in Kontakt. Es hat etwas Familiäres. Man hilft sich gegenseitig beim Entladen, beim Aufbau ... bei allem. Du bekommst viel mehr von der Atmosphäre mit, und das genieße ich sehr. Nur: Wenn du weiterkommen willst, darfst du nicht auf diesem Level stehen bleiben.

Mit Aftershow-Partys und dergleichen hab ich es nicht so. Für die Band ist das wichtiger, um Journalisten, Veranstalter und Leute aus der Musikindustrie zu treffen. Ich bin da eher ein langweiliger Typ. Ich trinke keinen Alkohol und bin normalerweise der Erste, der ins Bett geht. Ich versuche, mich möglichst viel konzentriert zu entspannen. Und wenn es spät wird, stecke ich mir entweder etwas in die Ohren oder höre über Kopfhörer noch Musik. Mit so vielen anderen im Bus ist da schon ein ordentlicher Lärmpegel. Da muss man Abschalten lernen.

Auch um die Keyboards kümmert Tim Wenzlick bei Friska Viljor

Mit 40 ist Schluss!

PnS: Du bist jetzt 30 und machst den Job seit acht Jahren? Wie lange willst du das noch durchziehen?

Tim: Ich hab in den letzten Jahren vor allem in England auch mit älteren Kollegen zusammengearbeitet. Und mir ist klar geworden, dass ich den Job, so wie ich ihn jetzt ausführe, nicht ewig machen möchte. Mein Ziel ist mit 40 aufzuhören. Speziell, wenn man mal eine eigene Familie hat, ist es einfach nicht mehr gut, wochenlang weg zu sein.

Als ich vor kurzem 30 wurde, habe ich verstärkt darüber nachgedacht. Ich mache den Job jetzt seit acht Jahren, war überall auf der Welt, habe alle meine persönlichen „Helden“ live gesehen – vielleicht ist es mittelfristig wichtig, etwas anderes zu machen. Ausgehend von meinem jetzigen Job, würde ich gerne zum Tour-Manager aufsteigen. Aber vielleicht mache ich auch etwas ganz anderes. Mal schauen. Ich will offen bleiben, aber vor allem mehr Zeit mit den Menschen verbringen, die mir nahe sind.

Tim Wenzlick mit den wichtigsten Elementen aus seinem Stage-Case

Tims Troubleshooter-Stage-Case

Ein erfahrener Backline-Techniker wie Tim Wenzlick hat wohl schon so ziemlich alles erlebt, was vor und während eines Konzertes schiefgehen kann. Er weiß genau, was man immer dabei haben sollte. Freundlicherweise zeigte er uns sein Notfall-Köfferchen, mit dem er nach eigenen Angaben eine klassische vierköpfige Band gut live betreuen kann.

•    Kopfhörer – zum Schutz. Tim zieht sie In-Ears und Konsorten vor. Kopfhörer sind für ihn ebenso gut, aber wesentlich leichter zu handeln.
•    Boss TU-2 Chromatic Tuner (Stimmgerät) – möglichst immer nach den höchsten Standards. Natürlich gibt es erheblich aufwändigere Geräte – ins Equipment integriert, Computer gesteuert etc. Aber hiermit kann man, seiner Meinung nach, nichts falsch machen. Zudem sei ein solches Gerät immer noch am weitesten unter den Musikern verbreitet.
•    Handschuhe – Handschuhe? Ja, vor allem ältere Kollegen würden ihn deswegen manchmal auslachen. Er benutzt sie im Wesentlichen beim Ein- und Ausladen oder bei gröberen Packereien. Mal abgesehen davon, dass er sich die Hände nicht immer vollschmieren will, möchte sich Tim als Musiker einfach ein gutes Gefühl in den Fingern bewahren.
•    Moongel oder Tonegel – immer eine Dose dabei. Es gibt dafür unterschiedliche Bezeichnungen von verschiedenen Marken. Ein wenig davon am Rand deines Drumfells und nah am Rim aufgetragen, kann es Oberton-Störungen absorbieren.
•    9-Volt-Batterie – nicht nur für den Tuner, sondern für alle Fälle. „Merke: In der Regel ist es kein Kabel-Problem, sondern ein Batterie-Problem.“
•    Kleine Taschenlampe
•    Saitenschneider – um zum Beispiel Gitarrensaiten durchzuschneiden. Übrigens: Tims Rekordzeit für das Auswechseln einer gerissenen Gitarrensaite während einer Show liegt bei unter einer Minute – you may try this at home.
•    Zange und Kreuzschraubenzieher

•    Drum-Key – Tim sagt, zur Not könne er bei kleinen Gigs auch alles mit einem einzigen Drum Key managen und lacht.
•    Gaffa – die krisensichere Währung auf allen Bühnen der Welt. Verbrauch: Im Schnitt eine Rolle pro Tag.







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