Kontakt -  Heft -  Impressum -  Termine -  Newsletter 

Besuche unsere Facebook-Seite Folge uns auf Twitter Videos von MusicnStuff auf Youtube Folge uns auf G+ MusicnStuff auf myspace Besuche unsere Instagram-Seite

Feature: Hans Zimmer

Der Herr der Klänge

David Fabian am 21.03.2016

Der Herr der Klänge

Hans Zimmer zählt zu den erfolgreichsten Filmkomponisten der Welt. Im April präsentiert er seine beliebtesten Filmmusiken mit großem Orchester live auf deutschen Bühnen. Grund genug, Laufbahn und Arbeitsweise dieses Komponisten einmal etwas genauer zu beleuchten.

Hans Zimmer ist eine der prägendsten Figuren Hollywoods: Der gebürtige Deutsche komponierte für mehr als 150 Filme, darunter Kassenschlager wie „The Dark Knight“, „Der König der Löwen“ oder „Gladiator“. Er wurde mit einem Oscar, vier Grammy Awards, zwei Golden Globes und vielen anderen Preisen ausgezeichnet. Zeit für neue Herausforderungen: Im April startet der 58-jährige – unterstützt von mehr als 70 Musikern – seine erste Europa-Tournee. Wir nehmen die anstehenden Konzerte zum Anlass, um einen etwas genaueren Blick auf diesen Komponisten, seine Karriere und Arbeitsweise zu werfen.

Zimmer wird 1957 in Frankfurt am Main geboren. Bereits als Teenager zieht er nach England, besucht das dortige Hurtwood House College und knüpft erste Kontakte in der Musikszene Londons. In den Siebzigern arbeitet er unter anderem mit Ultravox-Drummer Warren Cann und dem Session-Musiker Trevor Horn zusammen. Letzterer wird später als Produzent von Bands wie Frankie Goes to Hollywood, Simple Minds oder ABC den Sound der Achtziger-Jahre wie kein Zweiter prägen. Als Teil von Horns Band The Buggles hat Zimmer 1978 einen kurzen Auftritt im Clip zu „Video Killed the Radio Star“, dem ersten von MTV gesendeten Video.

Zimmer beeinflussen in jungen Jahren vor allem deutsche Bands, die elektronische Sounds mit Rock- und Popmusik verschmelzen – der sogenannte Krautrock stellt eine erste wichtige Wegmarke dar. „Als ich mit Trevor Horn zusammenarbeitete, legten wir jeden Morgen im Studio Kraftwerks ,The Man-Machine‘ auf“, erinnert er sich. „Eigentlich wollte ich ein Rock-Gitarrist sein – aber ich war ein lausiger Rock-Gitarrist.“ Zimmer trifft die, wie sich herausstellen wird, richtige Entscheidung und konzentriert sich auf den Synthesizer als Haupt-Instrument. „Ich war damals der coolste Typ in der Gegend, weil ich einen Computer mit 16K Speicher hatte … Die Leute fragten mich, was ich mit all dem Speicher anfangen wollte.“ Trotz dieses Alleinstellungsmerkmals hat Zimmer bald genug von der Musikszene. Sein lapidares Fazit: „Alles, was man in ,Spinal Tap‘ sieht, ist die Wahrheit.“

Von den 1980ern bis heute hat Hans Zimmer eine ganze Reihe legendärer Scores geschrieben – zu viele um sie hier auch nur annähernd abzubilden.

Erste Filmmusiken

Desillusioniert vom Pop-Geschäft, wendet Zimmer sich der Filmmusik zu. In den Achtziger-Jahren entsteht zusammen mit dem Filmkomponisten Stanley Myers eine Reihe von Scores, darunter zum Beispiel „Mein wunderbarer Waschsalon“ (1985). „Ich dachte mir: Das ist doch ein großartiger Job – 100-Millionen-Dollar-Bilder werden deine Musik komplettieren!“ Das neue Milieu beflügelt Zimmers Kreativität und stimuliert den jungen Autodidakten intellektuell: „Es war interessanter, sich mit Regisseuren zu unterhalten. Die haben halt nicht über das nächste Drumkit, das sie sich kaufen wollten, gesprochen, sondern über Geschichten und Bilder.“

1988 komponiert Zimmer für das Anti-Apartheid-Drama „Zwei Welten“ seinen ersten Score im Alleingang. Die Frau des amerikanischen Regisseurs Barry Levinson findet Gefallen an Zimmers Arbeit und bringt ihrem Mann eine CD mit dem Soundtrack dieses Films mit. Levinson verpflichtet Zimmer daraufhin als Komponisten für „Rain Man“.

Der Score zu „Rain Man“ entsteht auf eine, gerade für die damalige Zeit, unkonventionelle Art: Zimmer baut seinen Fairlight-CMI-Synthesizer in Levinsons Büro auf und arbeitet in enger Kooperation mit dem Regisseur am Soundtrack. In den Achtziger-Jahren war es durchaus noch üblich, dass der Regisseur die Filmmusik in ausgearbeiteter Form zum ersten Mal während der Sessions mit dem Orchester im Studio hörte – größere Änderungen am Soundtrack konnten so kaum noch umgesetzt werden. Zimmers Arbeitsweise ermöglichte dagegen ein viel flexibleres Vorgehen.

„Rain Man“ wird zum erfolgreichsten Film des Jahres 1988 und streicht vier Oscars ein (darunter die Auszeichnung als „Best Picture“). Zimmer steigt in die erste Riege der Filmkomponisten Hollywoods auf und kann in den folgenden Jahren mit Regisseuren wie Ridley Scott, Terrence Malick oder Ron Howard arbeiten. Schon die Musik zu „Rain Man“ wird für einen Oscar in der Kategorie „Best Original Score“ nominiert; mit der Filmmusik zum Disney-Blockbuster „Der König der Löwen“ gewinnt Zimmer schließlich sechs Jahre später die begehrte Trophäe. Schnell gilt der junge Deutsche in Hollywood als Fachmann für Sound und Textur, als jemand, dem das Klangdesign nicht weniger wichtig ist als die Noten eines Werks.

Ursprünglich wollte Hans Zimmer eigentlich Gitarrist werden – orientierte sich dann aber um, weil er sich für nicht talentiert genug hielt.

Arbeitsweise und Equipment

Es ist vor allem sein Talent, elektronische Elemente mit traditionellen Sounds und Strukturen zu verbinden, das viele Regisseure schätzen. Zimmer gehört zur ersten Generation von Musikern, für die Computer mehr als Science-Fiction sind, und er weiß, diesen Umstand als einer der ersten Filmkomponisten zu nutzen. Andererseits schöpft er aber auch aus der klassischen Musik: „Mein musikalischer Wortschatz ist stark in der Mitte des 19. Jahrhunderts verwurzelt“, sagt er. „Ich bin mit Mozart und Beethoven aufgewachsen – mit all den deutschen und österreichischen Kerlen. Wichtig war aber auch meine Zeit in England, weil ich dort Elgar, Britten und Holst kennengelernt habe. Und dann gab es noch das ganze Rock-’n’-Roll-Ding.“

Dieser Wille, unterschiedliche künstlerische Welten zu fusionieren, wird auch dem deutlich, der sein Studio in Kalifornien besucht: In einem Raum, der im Stil eines Wiener Bordells des 19. Jahrhunderts eingerichtet wurde, sieht man Wände mit alten Analog-Synthesizern neben vollen Bücherregalen und modernem DAW-Equipment. Dominiert wird der Raum von einem Moog Modular und einem riesigen Roland System 100M, das 58 VCOs, 37 VCFs, 32 ENVs, 12 VC- Phase-Shifter und 9 Sequenzer auf mehreren Quadratmetern vereint. Letzteres Modularsystem konnte Zimmer Anfang der Achtziger im Lager von Roland zum Schnäppchenpreis (25 Dollar pro Kilo) erstehen. Als Synthesizer-Liebhaber war es damals für Zimmer unbegreiflich, warum man so selbstverständlich eine ganze Klasse von Instrumenten schlicht als veraltet abschrieb und zu Discounter-Preisen loswerden wollte.

Der Unterschied zwischen etwa einem Minimoog und einem moderneren Instrument lässt sich für ihn nicht auf die Differenz zwischen Analog und Digital reduzieren: „Das ist wie beim Unterschied zwischen Geige und Trompete – das sind beides autonome Instrumente. Dieser Gedanke aus den Achtzigern, dass wir alles zugunsten des DX7 ausschließen sollten, schien mir verrückt.“

Hans Zimmer ist ein großer Fan elektronischer Klangerzeugung ...

Computer sind Werkzeug

Bei aller Liebe zu Vintage-Schätzen steht auch in Zimmers Studio natürlich der Rechner im Mittelpunkt. „Mein Computer ist mein Instrument“, sagt er. „Nur wenige Leute verstehen, dass ein Computer heute ein legitimes Musikinstrument ist, das man spielen lernen muss – genauso, als würde man Tonleitern auf einem Piano üben.“ Touchscreens von Zimmers Rechner-Setup sind, genau wie Sampler und Sample-Library, custom-built. Zimmers Sequenzer der Wahl ist Cubase: „Ich muss Steinberg wirklich Respekt zollen, weil sie ständig versuchen innovativ zu bleiben. Man sollte ja vorsichtig sein, was man sagt – aber es gibt nicht viele Firmen, bei denen man sich darauf verlassen kann, dass sie stets Updates veröffentlichen und in einer demokratischen Weise auf ihre Kunden hören.“

In Sachen Software-Instrumente schätzt Zimmer vor allem Zebra von U-he. Dieses Plug-In kam etwa umfangreich bei der Produktion der „Dark Knight“-Trilogie zum Einsatz und soll laut Zimmer auch für 99 Prozent der Synth-Sounds von „Inception“ verantwortlich sein. „Wie jemand, der richtig gut an der Geige werden will, wollte ich richtig gut bei der Anwendung von Zebra sein.“ U-he stellte, um Zimmer dabei zu helfen, den Kontakt zum Sound-Programmierer Howard Scarr her, der dem Filmkomponisten dann unter anderem im Rahmen der Produktionen von „The Dark Knight“, „Inception“ und „The Da Vinci Code“ zur Seite stand.

Was reine Effekt-Plug-Ins angeht, setzen Zimmer und seine Mitarbeiter wie etwa der Mixing-Engineer Alan Meyerson besonders auf die UAD-Plattform. Zu den Favoriten zählen hier beispielsweise dbx 160 Compressor, Roland RE-201 Space Echo, FATSO, Manley Massive Passive EQ und Trident A-Range EQ.

... steht aber genauso auf traditionelle Instrumente und Verstärker.

Experimentieren erlaubt

Neben klassischen Orchester-Instrumenten, Hardware-Synthesizern und Software bindet Zimmer immer wieder auch andere, für den Bereich Filmmusik eher exotische akustische Instrumente ein. Seien es Duduk („Gladiator“), Kirchenorgeln („Interstellar“), Pedal-Steel-Gitarren („Man of Steel“) oder mit Rasierklingen gespielte Streichinstrumente („The Dark Knight“) – Zimmer ist stets auf der Suche nach interessanten Klangfarben. Gern greift er dabei zum Beispiel auch auf das Können eines Musikers und Instrumentenbauers wie Chas Smith zurück, der spielbare, teils exorbitant dimensionierte Percussion-Skulpturen konstruiert, die eine beeindruckend organisch klingende Quelle für Sound-Effekte abgeben.

Geht es ums eigentliche Schreiben der Musik, nimmt Zimmer dagegen gern Abstand von allen Instrumenten. „Der größte Teil des Komponierens geschieht in meinem Kopf“, verrät er. „Ich versuche das Keyboard nicht anzufassen, bis ich ungefähr weiß, was ich schreiben möchte.“ Normalerweise steht am Anfang ein Gespräch mit dem Regisseur – noch bevor dieser mit dem Dreh beginnt.

Beim Schreiben scheut Zimmer sich dann, wie er sagt, auch nicht davor zu polarisieren: „Es muss heiß oder kalt sein – es darf nicht lauwarm sein … Die Leute glauben, gute Filmmusik müsse irgendwie homogen im Hintergrund herumschweben und die Szenen auf sanfte Weise unterstützen.“ Das, so Zimmer, sei aber längst nicht immer der richtige Weg.

Hört man sich seinen recht verschrobenen Score zu Guy Ritchies „Sherlock Holmes“-Verfilmung von 2009 an, weiß man, was er damit meint: Hier treffen verstimmte Pianos auf Hackbretter, Zigeuner-Geigen und Banjos – und trotz dieser alles andere als subtilen Klangcollage passt der Soundtrack wie angegossen zum Film. Zwar gibt es auch in diesem Score bekannte Zimmer-Zutaten wie donnernde Drums, synthetisch unterfütterte Streicher und rhythmusbetonte Action-Motive. Gleichzeitig beweist Zimmer aber, wie viel Freude an Neuem selbst nach Jahrzehnten beinahe ununterbrochenem Arbeitens noch in einem Künstler stecken kann. Man darf gespannt sein, ob er im Zuge seiner jetzigen Europa-Tour ähnlich kreative Wege geht.

Auf der kommenden Tour wird Hans Zimmer von seiner Band, einem Orchester sowie einem Chor begleitet.

Die Tourdates

Auf seiner im April startenden Europa-Tour präsentiert Hans Zimmer Musik aus „Fluch der Karibik“, „Der König der Löwen“, „Gladiator“, „The Dark Knight“ und vielen weiteren Filmen. Dafür versammelt der viel beschäftigte Komponist über 70 hochkarätige Musiker um sich: seine 20-köpfige Studioband, ein Orchester, einen Chor und – je nach Location – einige Special-Guests (wie zum Beispiel den The-Smiths-Gitarristen Johnny Marr beim Berliner Konzert am 20. April). Ins richtige Licht gesetzt werden die Shows von Marc Brickman, der bereits mit Künstlern wie Pink Floyd, Nine
Inch Nails oder Barbra Streisand gearbeitet hat.

Tourdates in Deutschland, Schweiz und Österreich:

16. April 2016: Mannheim, SAP Arena
18. April 2016: Hamburg, Barclaycard Arena
20. April 2016: Berlin, Mercedes-Benz Arena
22. April 2016: Oberhausen, König Pilsener Arena
26. April 2016: München, Olympiahalle
28. April 2016: Köln, LANXESS Arena
09. Mai 2016: CH-Zürich, Hallenstadion
12. Mai 2016: A-Graz, Stadthalle
13. Mai 2016: A-Wien, Stadthalle, Halle D

Weitere Infos: Website Hans Zimmer







layout-domain.tmpl