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Test: Harley Benton Custom Line Manhattan Standard & CLJ-412E NT

Preisbrecher in voller Fahrt

Was kann man bei Gitarren für 200 € an Qualität erwarten. Dieser Test verrät es.


Preisbrecher in ...

Musikaliengigant Thomann heizt mit seiner preisgünstigen Hausmarke „Harley Benton“ gezielt den Spiel- und Sammeltrieb von uns Gitarristen an. Zwei elektrisch-akustische Modelle aus der Custom Line zeigen, was man heutzutage zum Schnäppchenkurs bekommen kann.

Ein typischer Satz eines Musikers, der schon so manche hoffnungsvolle Beziehung beendet hat, lautet: „Aber, Schatz – so eine habe ich noch nicht!“ Damit solche Gefahrensituationen am Frühstückstisch glimpflicher über die Bühne gehen, lockt uns die Industrie deshalb mit Angeboten unterhalb der Preisschmerzgrenze und verschiebt dabei die gefühlte „Schnäppchenzone“ immer weiter nach unten. Auch unsere beiden Testgitarren scheinen diese Entwicklung bestätigen zu wollen.

Ob Einsteiger oder Profi, dem Lockruf einer neuen Gitarre zum Hammerpreis kann man sich nur schwerlich entziehen. Insbesondere „Schnäppchen“, die nicht unbedingt zum Standardsortiment des Durchschnittsgitarristen gehören, lassen den Blutdruck steigen: Eine zwölfsaitige Jumbo-Acoustic mit integriertem Piezo-System oder eine solide gebaute Archtop für den Gelegenheits-Jazzer, für je knapp 200 Euro – mein lieber Thomann, das ist in der Tat eine Ansage! Aber was kann man für so kleines Geld erwarten?

Man kann nur staunen, wie erwachsen die Modelle aus Harley Bentons so genannter „Custom Line“ rüberkommen. Eine blitzsaubere Konstruktion, schöne Holzoberflächen, geschmackvolle Decken-Bindings und Inlays und im Falle der zwölfsaitigen CLJ-412E NT sogar ein Preampsystem vom renommierten Hersteller Fishman. Darüber lässt sich wahrlich nicht meckern. Auch die optisch schlichtere Manhattan Standard im Retrostyle fühlt sich rundum gut an und ist definitiv ein ernsthaftes Instrument, kein Spielzeug.


Rein optisch ist die Harley Benton CLJ-412E NT eine richtige Wucht

Jet-Start mit Hindernissen

Kaum habe ich die beiden Preisbrecher aus ihren Transportkartons geschält, geht die Hand unwillkürlich zur Zwölfsaitigen, die optisch – wohl nicht ganz zufällig – an einen Jumbo-Klassiker aus dem Hause Guild erinnert. Die schön dekorierte, hochglänzend lackierte und stabil gebaute HB bringt ein ordentliches Kampfgewicht auf die Waage. Für die Decke hat man massive Fichte gewählt, Zargen und Boden sind aus Mahagonilaminat. Auch der eingeleimte Hals besteht aus einem kräftigen Streifen Mahagoni.

Halsfuß und Kopfplatte wurden separat angesetzt, um Verschnitt zu sparen. (Diese Konstruktion finden wir dann erwartungsgemäß auch bei der Manhattan Standard vor.) Holzverbindungen und Bindings sehen gut aus, so weit alles bestens. Die Abmessungen sind traditionell, ein Cutaway gibt es ebenfalls nicht. Somit bietet der Großraum-Jumbo ein stattliches Innenvolumen, was in Kombination mit der massiven Fichtendecke ein kraftvolles und sattes Klangbild mit kräftiger Signalprojektion ergeben sollte.

Lautstärke ist auch ausreichend vorhanden, nur lässt die CLJ-412E NT die erhoffte klangliche Autorität vermissen. Die typischen, schimmernden Höhen einer 12-String sind zwar voll da. In Sachen Schub von unten fehlt diesem Jumbo-Jet jedoch die richtige Treibstoffmischung. Das klingt an sich nicht schlecht, aber viel kleiner und flacher, als es der mächtige Korpus verspricht. Wer so einen „leichten“ Sound sucht, wird normalerweise eher zu einem handlicheren Modell greifen.

So bleibt die klassische Optik der stärkste Trumpf der CLJ-412E NT. Über das ein wenig schräg stehende „Flowerpot“-Motiv auf der Kopfplatte oder das nur grob ausgestanzte Pickguard wollen wir angesichts des Preises hinweg sehen. Hier hat Thomann auch reagiert, bei den aktuellen Modellen sidn diese optischen Unschönheiten ausgeräumt. Was bietet diese Jumbo im elektrisch verstärkten Betrieb? Das bekannte Isys+-System von Fishman funktioniert tadellos und präsentiert den Klang recht unverfälscht. Mittels der beiden Klangregler für Treble und Bass kann man nun die Balance der Frequenzen nachjustieren.

Reichlich Saiten für charmant schwebende Sounds.

Billigflieger auf Startbahn 1

Bei Rückkopplungsgefahr hilft der Phase-Schalter. Fast noch mehr freut man sich allerdings über das integrierte Stimmgerät. Eines der wichtigsten Argumente gegen den Einsatz einer 12-String ist ja der mühevolle Stimmvorgang. Bei unserem Testexemplar wurden Sattel und Steg leider nicht gut abgerichtet, der Anbieter hat aber auch hier für Abhilfe gesorgt, so dass das Problem bei den aktuellen Modellen nicht mehr auftreten dürfte.

Schade auch, dass die kleinflügeligen Mechaniken hier zäh und ungleichmäßig laufen. So wird das Stimmen zur Geduldsprobe. Das lässt sich aber schnell mit einem Schraubenzieher beheben. Dafür hat man der Harley Benton die guten D’Addario EXP-Strings gegönnt und eine wohlmeinend flache Saitenlage eingestellt. So wird man schnell glücklich und muss erstmal längere Zeit keine Saiten wechseln – was bei eine Zwölfsaiter ja schon mal in Arbeit ausarten kann.

Noch immer übt der Klang einer 12-String auf Spieler und Zuhörer eine starke Faszination aus. Dafür sollte eigentlich in jedem Musikerhaushalt Platz sein. Die durchaus solide Grundsubstanz der CLJ-412E NT bietet sich zum leichten Nachbessern an. Ist das gemacht, ist das Preis-Leistungs-Verhältnis schon ein echter Hingucker.

Optisch jazzig zeigt sich die Harley Benton Custom Line Manhattan Standard klanglich durchaus flexibel.

Einsatz in Manhattan

Ein Exot anderer Art ist die Manhattan Standard, die mehrere Entwicklungsstadien zwischen Akustik- und E-Gitarre vereint. Das matt lackierte Archtop-Modell ohne Cutaway kommt fast ohne Schnörkel aus. Nur ein paar Bindings sorgen für optischen Kontrast. Der schlanke Mahagonihals trägt ein Palisandergriffbrett mit 20 Bünden und ist auf traditionelle Weise mit dem Thinline-Hohlkorpus verleimt. Im Gegensatz zur Flattop à la Martin sind Decke und Boden aus Mahagonilaminat und gewölbt ausgeführt.

Klassische, sauber eingefasste F-Holes ersetzen das zentrale Schallloch. Dazu kommen ein traditioneller Aufsatzsteg aus Palisander und ein Trapez-Tailpiece sowie ein schmuckes Pickguard, ebenfalls aus Laminat. Am Griffbrettende ist ein „Floating Minihumbucker“ angebracht, so dass die Schwingfähigkeit der gewölbten Decke voll intakt bleibt. Zur weiteren, rein passiven Bordelektronik gehören nur noch Lautstärkeregler, Tonblende und die Ausgangsbuchse im unteren Zargen.

Wie schon bei der CLJ-412E NT sieht das Pickguard bei näherer Betrachtung etwas grob aus – aber auch hier ist das laut Anbieter ein optisches Problem, das mittlerweile behoben ist. Ansonsten kann sich die Verarbeitung aber wirklich sehen lassen, sehr schön. Die schlanke Bauweise und das moderate Halsformat ergeben zusammen mit den ab Werk aufgezogenen, eher dünnen Roundwound-Saiten eine sehr angenehme Bespielbarkeit und tadellose Ergonomie. Das akustische Klangbild ähnelt einer kompakten Elektro-Akustischen, ist dementsprechend frisch und knackig, und nicht besonders „jazzy“.

Schon erstaunlich, wie erwachsen die Harley Bentons bei dem Preis rüberkommen.

Mehr als nur Standard(s)

Eine flache Saitenlage ohne Schnarrgeräusche und die korrekte Intonation der klassischen nicht arretierten Brücke versöhnen mich wieder mit der Endkontrolle von „Mr. Harley Benton“. Das Ding macht Spaß, sämtliche Chords und Licks gehen locker von der Hand. Die Gitarre setzt das bereits rein akustisch wunderbar um. Wer braucht da noch einen Amp? Zum Üben der obligatorischen Standards würde mir das jedenfalls schon völlig genügen. Ist das etwa der „Standard“ in „Manhattan Standard“?

Bereits jetzt steht die eher unprätentiöse Aufmachung der Archtop im Widerspruch zu ihren klanglichen Möglichkeiten. Mal hören, was der Verstärker dazu meint. Ein einzelner Hals-Pickup genügt traditionsbewussten Jazzern meist völlig. Deren bevorzugten, mollig warmen Handschuhton liefert die Manhattan Standard nur widerwillig, indem man das Tone-Poti fast völlig zudreht (und am besten dicke Flatwounds aufzieht). Denn für Jazz-Purismus ist der unscheinbare Tonabnehmer wohl einfach zu vielseitig.

Rauer Blues à la John Lee Hooker, Country & Western Swing, ja, selbst deftiger Funk, Ska oder Roots-Reggae lassen sich damit genauso überzeugend spielen. Und solange man genügend Abstand zum Amp hält und es mit der Lautstärke nicht übertreibt verträgt die Manhattan Standard sogar einen guten Schuss Overdrive. Sie klingt dabei schön frisch, dynamisch und angenehm eigenständig. Erst bei rabiater „Zerre“ ist Schluss, da wird der Sound zu kantig und „fuzzy“ – es sei denn man steht auf Neil Young!

Damit gäbe zumindest die angenehm unkomplizierte Manhattan Standard bei der Kür jede Menge Anlass zum Feiern. Ein kleiner Schwachpunkt ist hier die Bordelektronik. Das beginnt mit den ausgesprochen schwergängigen Reglern, hinzu kommt, dass das Volume-Poti eher wie ein An/Aus-Schalter agiert. Erst auf dem letzten Millimeter passiert etwas, und dann ist das Signal weg. Das Tone-Poti läuft ebenfalls ungleichmäßig. Ein gefühlvolles Arbeiten mit den Reglern ist somit nicht drin. Genau das jedoch wäre für eine Gitarre mit nur einem Tonabnehmer essenziell. Doch Thomann verspricht, dass diese Probleme bei den aktuell verkauften Modellen nicht mehr auftreten.

Bei der Zwölfsaiter sorgt ein Fishman-Preamp für ein wohlklingendes Sounderlebnis an Amp und PA.

Pflicht oder Kür?

Viele Musiker sind häufig knapp bei Kasse, brauchen aber immer mal wieder Neues zum Spielen. Dafür hat man die Hausmarke erfunden: Große Versandhändler und Ladenketten lassen im fernen Ausland fertigen, wo es am günstigsten ist und präsentieren ihre Produkte dann unter dem hauseigenen Label. Natürlich kommen niedrige Preise den Kunden entgegen. Dabei muss man sich manchmal eben auf kleinere Abstriche in Sachen Fertigungsqualität gefasst machen.

Wie man eine attraktive Gitarre baut, das wissen die Zulieferer in Fernost und anderswo schon lange. Die beiden Harley Bentons zeigen aber auch, dass dabei Licht und Schatten nahe beieinander liegen. Während Materialsubstanz, Holzarbeiten und Konstruktion stimmen, gibt es teilweise Verbesserungspotenzial bei Hardware und Feinabstimmung. Nachbessern ist zwar möglich, kostet aber auch schnell mal etwas. Hier heißt es im Zweifelsfall erst ausprobieren und dann zuschlagen – Denn die Basis stimmt, und der Preis lässt einen schon staunen.

Die klassische Konstruktion der Manhattan Standard erfreut nicht nur Jazzer.

Technische Daten & Wertung

Harley Benton CLJ-412E NT


Bauweise
12-String mit Piezosystem  
Korpus
Jumbo-Form, Boden & Zargen: Mahagoni (laminiert), Decke: Fichte (massiv)
Hals
Mahagoni, eingeleimt (sehr kräftiger D-Querschnitt)
Griffbrett
Palisander, 20 Medium-Bünde
Halsbreite
Sattel/12. Bund
48,1 mm/58,2 mm
Halsdicke
1. Bund/10. Bund
22,2 mm/25 mm
Mensur 648 mm
Sattel Kunststoff
Steg
Palisander, kompensierte Stegeinlage (Kunststoff)
Tonabnehmer-System

Fishman Undersaddle-Piezo & Isys+-Preamp

Bedienfeld Tuner/Mute, Volume, Phase, Bass & Treble
Finish Hochglänzend (natural)
Saiten (ab Werk) D’Addario EXP 16 Phosphor Bronze (.012-.053)
Hergestellt in China

 

Harley Benton Custom Line Manhattan-Standard


Bauweise
Archtop mit Tonabnehmer
Korpus
Slimline ohne Cutaway, Boden & Zargen: Mahagoni (laminiert), Decke: Mahagoni (laminiert), gewölbt
Hals
Mahagoni, eingeleimt (schlanker D-Querschnitt)
Griffbrett
Palisander, 20 Medium-Bünde
Halsbreite
Sattel/12. Bund
42,8 mm/54,9 mm
Halsdicke
1. Bund/10. Bund
21 mm/24 mm
Mensur 648 mm
Sattel Kunststoff
Steg
Palisander, kompensierte Stegeinlage (Palisander)
Tonabnehmer

Floating Mini-Humbucker (mit Keramikmagnet)

Bedienfeld Volume, Tone
Finish Hochglänzend (natural)
Saiten (ab Werk) D’Addario EXL 110 Nickel Plated (.010-.046)
Hergestellt in China

 

Wertung:

CLJ-412E NT

+ preisgünstige Einsteiger-12-String
+ heller, durchsetzungsstarker Klang
+ zuverlässiges Tonabnehmersystem
+ Batteriefach mit Schnellverschluss
+ aufwändige Optik
-  schwergängige Mechaniken (beim Testmodell)

Manhattan Standard

+ geschmackvoller Retrostyle
+ saubere Holzarbeiten
+ Handling und Bespielbarkeit
+ dynamischer, akustischer Sound
+ kräftiger Tonabnehmer mit Twang-Faktor
-  Funktion und Gängigkeit der Potis (beim Testmodell)

Preis: je 199 €
Anbieter: Thomann, www.thomann.de



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