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Im Fokus: Wireless für Musiker – Update 2016

Chaos oder Ordnung?

Seit dem 1. Januar hat sich in Sachen Funksysteme für Musiker einiges geändert. Wie lief der Übergang? Wir fragten nach.


Chaos oder Ordnung?

Zum 1. Januar 2016 traten die Folgen der Digitalen Dividende I in Kraft – was die verfügbaren Funkfrequenzen für Musiker und Bühnentechniker deutlich reduziert hat. Doch wie wirken sich die Änderungen in der Praxis aus. Dazu sprachen wir mit Thomas Mai, HF-Experte bei Wireless-Anbieter Sennheiser. Zudem befragten wir auch die Bundesnetzagentur zum aktuellen Status.

Früher waren viele Musiker ja skeptisch, was betraf. Man befürchtete Klangverluste, eine zu geringe Reichweite und Ausfälle während des Betriebs, aber auch die komplizierte Bedienung. Mittlerweile lassen sich die Geräte wirklich kinderleicht bedienen, stattdessen aber bereiten zunehmende Vorschriften und Regularien den Nutzern Kopfzerbrechen. Und es sieht nicht so aus, als würde es in Zukunft besser werden. Denn zum 31. Dezember 2015 endete die Verfügung 91/2005 über die „Allgemeinzuteilung von Frequenzen für drahtlose Mikrofone für professionelle Nutzungen in den Frequenzbereichen 790 bis 814 und 838 bis 862 MHz“. Kurz gesagt fallen hier einige nutzbare Frequenzen für Bühnentechnik weg, da die entsprechenden Frequenzbereiche von der Bundesrepublik Deutschland an die Mobilfunkanbieter verkauft wurden – und die haben einfach die dickeren Geldbörsen. Deshalb lassen sich einige alte Systeme nicht mehr nutzen, da ihr Signal von LTE und digitalem Fernsehen gestört wird. Abgesehen davon darf man die Frequenzen auch nicht mehr nutzen – es drohen empfindliche Strafen.

Wie sind die neuen Regeln in den letzten drei Monaten in der Praxis angekommen? Dazu sprachen wir mit Thomas Mai von Sennheiser, der sich beim deutschen Mikrofon- und Drahtlossystemhersteller um den Bereich Funk für Endkunden kümmert.

Music nStuff: Zum 1. Januar 2016 trat ja die sogenannte Digitale Dividende I in Kraft. Kannst du kurz erklären, was genau sich zu diesem Zeitpunkt geändert hat?
Thomas Mai:
Zum 31. Dezember 2015 endete die Verfügung 91/2005 über die „Allgemeinzuteilung von Frequenzen für drahtlose Mikrofone für professionelle Nutzungen in den Frequenzbereichen 790 bis 814 und 838 bis 862 MHz“ – das bedeutet, dass diese bislang zulassungs- und kostenfreien Frequenzbereiche von den meisten Anwendern seit dem 1. Januar 2016 nicht mehr anmeldefrei genutzt werden können. Der Versuch, die neue Situation einfach zu ignorieren und vorhandene Hand- oder Taschensender sowie drahtlose InEar-Systeme weiterhin wie gewohnt in den genannten Frequenz­arealen anmeldefrei zu betreiben, sollte nicht unternommen werden. Die Bundesnetzagentur kann Verstöße mit Bußgeldern ahnden.

MnS: Die Änderungen sind jetzt seit knapp drei Monaten in Kraft. Welche Erfahrungen habt ihr in dieser Zeit gesammelt? Gibt es in bestimmten Bereichen besonders viele Probleme?
TM:
Es sind massive Störungen beziehungsweise Interferenzen durch Up- und Downlinks (LTE, mobiler Internetzugang) der Mobilfunkanbieter zu erwarten, wie es bereits jetzt in vielen Regionen bedingt durch LTE-Sendemasten der Fall ist. Schon allein aus diesem Grund ist von einer Nutzung in diesen Bereichen abzusehen. Wir bemerken seit Jahresbeginn wieder eine erhöhte Nachfrage nach Umfrequentierungen von Funkmikrofonen von Nutzern, die bisher nicht reagiert haben. Einige haben wirklich die Technik so lange genutzt, bis sie durch LTE gestört wurden. Auf www.sennheiser.de/DDready können Anwender unter dem Punkt „Umfrequentierung“ nachschauen, was ein Umbau ihres Systems im Vergleich zu einem Neukauf kostet.

MnS: Man darf ja seit Anfang des Jahres einige Frequenzen und Systeme nicht mehr nutzen. Welche Frequenzen betrifft das?
TM:
Betroffen sind die Frequenzbereiche 790 bis 814 und 838 bis 862 MHz. Diese dürfen nicht mehr anmeldefrei genutzt werden und sollten aufgrund des nahezu flächendeckenden Ausbaus des LTE-Netzes auch gemieden werden.


Unser Interview-Partner Thomas Mai, der sich bei Sennheiser um den Bereich „Funk für Endkunden“ kümmert.

Risiko Altgeräte

MnS: Wenn man sich jetzt als Musiker oder Veranstaltungstechniker ein neues Funksystem zulegen möchte, welches Modell beziehungsweise welchen Frequenzbereich könnt ihr für die verschiedenen Anwender (Einsteiger, Semi-Pro, Professional Audio) empfehlen?
TM:
Es gibt drei Bereiche, die noch komplett anmeldefrei genutzt werden können: Die obere LTE-Mittenlücke (800 MHz), 1,8 GHz und 2,4 GHz. Für den Einsatz in der LTE-Mittenlücke (823 - 832 MHz) bietet Sennheiser die Serie evolution wireless ew 500 G3 im E-Band an, welche eine Vielzahl sinnvoll aufeinander abgestimmter Komponenten von Handmikrofonen und Taschensendern mit Headset über ein Instrumenten-Set bis hin zum Monitoring System beinhaltet. Mit vergleichbaren Features wartet die Serie evolution wireless ew 100 G3-1G8 auf, die im Bereich zwischen 1.785 und 1.800 MHz betrieben wird. In diesem in vielen Ländern Europas exklusiv für die Audioübertragung reservierten Frequenzbereich lassen sich bis zu zwölf Kanäle parallel unterbringen.

Digital und lizenzfrei arbeitet die neue Sennheiser Serie evolution wireless ew D1 im Bereich zwischen 2.400 bis 2.483,5 MHz. Das automatische Frequenzmanagement stellt eine einfache Handhabung sicher, sinnvolle Features wie Equalizer, De-Esser und Automatic Gain Control (AGC) runden die Ausstattung ab. Ein Tipp: Für Videographer haben wir unser neues Funkmikrofonsystem AVX für Kameras, das lizenzfrei im 1,9GHz-Bereich funkt.

MnS: Denkst du, dass Musiker jetzt erst mal auf der sicheren Seite sind, wenn sie sich ein neues System zulegen? Oder stehen schon wieder Änderungen an?
TM:
Die hier genannten Bereiche sind von der Bundesnetzagentur für die nächsten Jahre reguliert und können für Drahtlossysteme genutzt werden, teilweise sogar exklusiv, siehe den Bereich zwischen 1.785 und 1.800 MHz. In der Regel gilt solch eine Regulierung für einen Zeitraum von zehn Jahren. Aktuell bedeutet dies, dass beispielsweise der Bereich 1,8 GHz bis zum Jahr 2025 freigegeben ist. Die Mittenlücke (800 MHz) ist ebenso bis 2025 freigegeben. Wer digital im 2,4-GHz-Bereich funken möchte, kann dies bis mindestens Ende 2024 sicher tun. Das bedeutet für die anmeldefreien Frequenzbereiche eine gewisse Sicherheit. Revolutionäre Änderungen sind derzeit nicht abzusehen. Neben dem genannten Frequenzspektrum für die anmeldefreie Nutzung, gibt es auch noch anmeldepflichtige Bereiche unterhalb von 758 MHz, die professionelle Anwender nutzen können.

Hier siehst du auf einen Blick, welche Frequenzbereiche prinzipiell für Bands verfügbar sind.

Also alles gut, oder?

Man sieht also: Trotz der ganzen Änderungen gibt es immer noch viele Möglichkeiten, Funksysteme auf der Bühne zu nutzen. Vor allem, wenn man nicht mehr als gut zehn Systeme parallel betreiben will, geht das sehr einfach. Die aktuellen Systeme arbeiten zuverlässig, suchen sich oft selbst die bestmögliche Frequenz und klingen richtig gut. Und da man sie mindestens bis Ende 2024 beziehungsweise Ende 2025 sicher und legal nutzen kann, sind die mittlerweile recht günstigen Preise durchaus bezahlbar.

Und wie finde ich jetzt heraus, ob ich mein bisheriges System noch benutzen darf? Im Normalfall solltest du die (möglichen) Frequenzen, in denen dein Gerät arbeitet, auf dem Gerät, über das Menü oder in der Bedienungsanleitung finden. Bist du dir immer noch unsicher, empfiehlt es sich, den Hersteller oder Händler, bei dem du es gekauft hast zu kontaktieren. So gehst du auf Nummer sicher, dass du dein Funk-Equipment nutzen darfst.

Wovon ausdrücklich abzuraten ist, sind Spon­tankäufe und Schnäppchen gebrauchter Geräte im Internet – es sei denn, du kennst dich wirklich aus. Denn schon Mitte bis Ende 2015 fiel auf, dass plötzlich viele Funksysteme auf Plattformen wie eBay und Co. zu sehr günstigen Preisen angeboten wurden. Allerdings war quasi nie ein Hinweis auf eventuelle Probleme mit den Frequenzen zu finden. Also: Lieber Finger weg. Denn was hilft es dir, 50 oder 100 Euro zu sparen, wenn du mit dem System nicht wirklich arbeiten kannst – oder am Ende gar Ärger und eine Strafe riskierst.

Wenn du dich für ein Funksystem entscheidest – oder gar die ganze Band die Kabel auf der Bühne reduzieren möchte – dann überleg(t) erst mal, welche Features wichtig sind und wähl(t) dann das passende System in einem frei verfügbaren Frequenzbereich. Auswahl gibt es mittlerweile ja mehr als genug. Übrigens: Ausführliche Infos zur Auswahl und der Bedienung von Funksystemen findest du in unserem Special zu diesem Thema.


Je weiter der Ausbau von LTE und mobilem Internet fortschreitet, desto öfter werden alte Funksysteme gestört werden.

Fragen an die Bundesnetzagentur

Hierzulande ist die Bundesnetzagentur für die Regulierung der Funkfrequenzen zuständig. Wer also könnte besser wissen, wie die neuen Regularien in der Praxis angekommen sind? Wir baten Fiete Wulff von der Bundesnetzagentur zum Gespräch.

Music nStuff: Seit dem ersten Januar 2016 ist die sogenannte „Digitale Dividende I“ in Kraft. Dadurch sind für Veranstaltungen einige (anmeldungsfreie) Frequenzbereiche weggefallen. Lief die Umstellung aus ihrer Sicht reibungslos?
Fiete Wulff:
Seit dem 01.01.2016 ist die Allgemeinzuteilung der Teilfrequenzbereiche 790 - 814 MHz und 838 - 862 MHz für die Nutzung durch drahtlose Mikrofone erloschen. Im Rahmen von Einzelzuteilungen im Frequenzbereich 470 - 823 MHz sind Frequenznutzungen durch Funkmikrofone in Teilbereichen der ehemaligen Allgemeinzuteilung unter gewissen Voraussetzungen weiterhin möglich. Informationen dazu sind unter diesem Link abrufbar. Zugeteilt werden können auf Antrag die drei Teilbereiche 470 MHz - 608 MHz, 614 - 703 MHz und 733 - 823 MHz.
 
Die Umstellung des Frequenzbereichs 790 - 862 MHz ist aus meiner Sicht aus verschiedenen Gründen für die Bundesnetzagentur gut abgelaufen. Zum einen wurde mit einer großen Vorlaufzeit (Frühjahr 2009) die Öffentlichkeit informiert, dass eine Verlängerung der Allgemeinzuteilung ausgeschlossen ist. Zudem wissen die Mikrofonnutzer, dass sie dem Mobilfunk nachgeordnet sind und suchen sich schon aus Qualitätssicherungsgründen ungestörte Frequenzen, da bei einem Zusammentreffen der Frequenznutzungen LTE und Funkmikrofone an einem Ort in der Regel die Mikrofonübertragung gestört würde.
 
Music nStuff: Sicher gibt es auch noch  Leute, die einfach aus Unwissenheit ihre alten Drahtlossysteme benutzen. Wie hoch würden sie den Prozentsatz dieser Nutzer einschätzen?
Fiete Wulff:
Es ist nicht auszuschließen, dass es Nutzer gibt, die die Frequenzen aus Unwissenheit ohne Zuteilung weiterverwenden, insbesondere aus dem nicht-professionellen Bereich z.B. bei Kirchen, Schulen oder Vereinen. Auch hier gilt, dass wenn der LTE-Ausbau die entsprechenden Einsatzgebiete erreicht hat, die Mikrofone gestört werden und sich die Nutzer um andere Frequenzen kümmern müssen. Einen Prozentsatz der Nutzer der Frequenzen der erloschenen Allgemeinzuteilung lässt sich nicht nennen. Er wird jedoch in dem Maße geringer werden, je weiter der Flächenausbau durch LTE vorangetrieben wird, da diese Frequenzen dann in der Regel technisch nicht mehr für Mikrofone genutzt werden können.
 
Music nStuff: Sollte man ein nicht mehr zugelassenes Gerät nutzen und dabei erwischt werden, welche Strafen drohen?
Fiete Wulff:
Zu diesem Punkt möchte ich zunächst etwas zur Terminologie im Funkbereich beitragen: Frequenzen werden zur Nutzung geräteneutral zugeteilt. Während der Laufzeit einer Frequenzzuteilung können Geräte beliebig ausgetauscht werden, solange die zugeteilte Frequenz genutzt wird. Die Frequenzzuteilung ist jedoch ungültig für Frequenznutzungen mit Geräten, die nicht konform mit den europäischen Regularien über das Inverkehrbringen sind und keine CE-Kennzeichnung tragen (was früher dem „nicht zugelassen Gerät“ entsprach). Sie fragen nach den Strafen für Frequenznutzungen durch Mikrofone, die unter die erloschene Allgemeinzuteilung fielen. Strafen werden in einer Einzelfallentscheidung festgelegt, unter Beachtung unterschiedlicher Kriterien, wie z.B. dem entstandenen Schaden. Da in den hier nachgefragten Fällen das Störpotential relativ gering ist, wird es in der Regel zu keinem Messeinsatz mit Störungsbearbeitung kommen, was dann auch die etwaige Höhe der Strafe beeinflussen würde.
 
Music nStuff: Kann man denn einen Zuschuss beantragen, falls man erst kürzlich ein Wireless-Setup gekauft hat, das man jetzt nicht mehr nutzen kann? Und gilt das nur für gewerbliche oder auch für private Nutzer?
Fiete Wulff:
Informationen über das Entschädigungsverfahren sowie die entsprechenden Antragsvoraussetzungen findet man unter diesem Link.
 
Music nStuff: Sind diese Regulierungen und die damit noch anmeldefrei nutzbaren Frequenzen jetzt erstmal sicher? Gibt es eine europäische Abstimmung der frei nutzbaren Frequenzen? Oder muss man sich für jedes Land einzeln informieren?
Fiete Wulff:
Die derzeitigen Allgemeinzuteilungen von Frequenzen für drahtlose Mikrofone haben jeweils eine Laufzeit von zehn Jahren. Derzeit sind mir keine Entwicklungen bekannt, die einer weiteren Verlängerung entgegen stünden. Die Frequenzen für Funkmikrofone werden u.a. in der Short-Range-Devices Arbeitsgruppe des Electronic Communications Committee europäisch harmonisiert. Die europäischen Frequenzbereiche für drahtlose Mikrofone finden Sie im Annex 10 der "ERC Recommendation 70-03". Inwieweit dies in den einzelnen Ländern umgesetzt ist, kann dem darin enthaltenen Appendix 1 entnommen werden. Zur Harmonisierung der Frequenzbereiche 823 - 832 MHz und 1785 - 1805 MHz besteht darüber hinaus ein durch die EU-Mitgliedsstaaten verbindlich umzusetzender Durchführungsbeschluss der Europäischen Kommission.
 



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