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Interview: Tim Renner

Wohin geht die Reise?

Tim Renner ist ein echter Branchenexperte – ist er doch seit gut drei Jahrzehnten im Musikbusiness tätig. Wir trafen ihn zum Interview.


Wohin geht die ...

Wenn man den Wandel des Musikbusiness verstehen möchte, sollte man mit jemandem sprechen, der ihn miterlebt hat. Wir trafen Tim Renner, langjährig in führenden Positionen bei diversen Labels tätig, zum Interview über die Zukunft der Popmusik.

Meine persönliche erste „Begegnung“ mit Tim Renner hatte ich in zwei Ausgaben des „Handbuch der Musikwirtschaft“ in den 90er Jahren. Für meine Examensarbeit über den Strukturwandel der Popmusik in den 80er Jahren waren diese beiden jeweils mehrere hundert D-Mark teuren Werke unerlässlich – und mitnichten in Uni-Bibliotheken zu finden. Bis heute ist Tim Renner einer der Köpfe, um die man in der Beschäftigung mit Popmusik nicht herum kommt – auch wenn er seit April 2014 Staatssekretär für kulturelle Angelegenheiten des Landes Berlin ist. Aber Letzteres soll hier kein Thema sein.

Tim Renner steht federführend unter anderem in Verbindungen mit deutschen Acts wie Phillip Boa, Tocotronic, Element of Crime, Sportfreunde Stiller und anderen. Seine internationalen Erfolge mit der Band Rammstein sind umso bemerkenswerter, als das man Deutsche Pop-Acts mit so weitreichendem internationalen Erfolg an einer Hand abzählen kann: Kraftwerk, Nena, Scorpions, Herbert Grönemeyer unter Umständen. TRIO haben ihre Chance nicht genutzt, Frank Farian und Mousse T sind keine Pop Acts und Falco war Österreicher.

Von Tim Renner und Sarah Wächter erschien im Oktober 2013 das Buch „Wir hatten Sex in den Trümmern und träumten – Die Wahrheit über die Popmusik“. Ich habe mich mit Tim allerdings weniger über wirtschaftliche Aspekte der Popmusik unterhalten, sondern mehr über ihren Einfluss auf die Gesellschaft und die Kunstform Musik. Das Interview führten Wir Anfang des Jahres, kurz bevor Tim Renner in die Politik wechselte.


Tim Renner ebnete unter anderem Rammstein den Weg zur erfolgreichen Karriere

Ist Popmusik gesellschaftlich relevant?

People nStuff: Tim, erst mal danke, dass du kurz vor deinem Wechsel in die Politik noch Zeit für uns hast! 1986 hast du als Artists-&-Repertoire-Manager bei der Polydor angefangen – dein Schritt in die internationale Musikindustrie. Ist Popmusik heute noch das, was man 1986 darunter verstand?
Tim Renner:
Wenn Popmusik heute noch wäre, was man 1986 unter ihr verstand, dann hätten sich weder Pop noch die Gesellschaft weiterentwickelt. Einerseits ist – anders als 1986 – der Mainstream verschwunden. Damals hat sich die Mehrheit noch gerne auf etwas geeinigt, heute ist jeder lieber individuell. Das ist logisch im Sinne von Maslows Bedürfnispyramide und führt zu einem neuen Konsens bezüglich der Spitzen der einzelnen Szenen. Der Mainstream-Hörer des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts kompiliert Country-Sänger wie Johnny Cash, Ex-Teeniestars wie Robbie Williams, Jazz-Sängerinnen wie Norah Jones, Alternative-Rocker wie U2, Hip-Hopper wie Eminem, Schlagersternchen wie Helene Fischer und Neo-Metaller wie Rammstein zu einem neuen Mainstream und fühlt sich dabei ziemlich einzigartig.

Früher hätte man dem Besitzer solch einer Musiksammlung eine Persönlichkeitsstörung unterstellt, heute ist sie Normalität. Das hat die Basis auf der Pop steht enorm verbreitert. Andererseits ist der Pop natürlich durch die Technik bedeutend demokratischer geworden. Früher waren Aufnahme-, Herstellungs-, Vertriebs- und Distributionskosten eine große Hürde. Heute kann jeder seine Musik kostengünstig aufnehmen und verbreiten. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf den Pop als solches...

PnS: Den Beginn der „modernen“ Popmusik des Abendländischen Kulturkreises einfach mal in den späten 1940ern ansetzend, lässt sich feststellen, dass über Jahrzehnte die persönlichen Hörgewohnheiten sehr oft auch mit der eigenen gesellschaftspolitischen Haltung einhergingen. Dieser Zusammenhang wurde von außen – Eltern, Medien etc. – zum Teil noch viel extremer aufgefasst als er wirklich war. In den 40er und 50er Jahren gehörte „Negermusik“ zum normalen Wortschatz. Wer Mitte der 60er z. B. die Rolling Stones oder Bob Dylan hörte, setzte sich hierzulande schnell dem Verdacht aus, ein „Gammler“ und linker Gesellschaftsfeind zu sein. Mit Punks, Rockern, Teds, Mods, später Metal-Fans und anderen Identität stiftenden, gegenseitig teilweise verfeindeten Stilen wurden Musik, Mode und Attitüde jeweils fast schon zu einer Einheit. Nach Grunge und Techno in den 90ern vermisst man diese relativ klar abgegrenzten Stilrichtungen – abgesehen von nach wie vor bestehenden aber kommerziell weniger bedeutenden „Randgruppen“.
Jetzt die Frage: Trifft diese grob vereinfachte Beobachtung zu und wenn ja, wie ist das Verschwinden der Identitätsstiftung durch Popmusik evtl. zu erklären?
Tim:
Du unterschlägst da aber den deutschen Hip-Hop! Ende des letzten Jahrhunderts war auch der ein wichtiges Tool im gesellschaftlichen Diskurs und für die Abgrenzung vom Establishment. Richtig, danach wird es ruhig. Ich nenne das manchmal den Post-Columbine-Effekt. Früher war das ein verlässliches Muster in den Medien: Wenn etwas Unbegreifliches geschah wie beim Schulmassaker von Littleton, musste die Musik der Täter als Erklärungsvehikel dienen. Damals war es KMFDM und Marilyn Manson. Bei den Amokläufen von Winneden und Erfurt hat keiner mehr nach Musik gefragt, aber wir wussten alle bald, welche Ego-Shooter die Täter gespielt hatten. In einer Welt in der die Eltern den Code des Pop selbst perfekt dechiffrieren können, eignet sich dieser nur bedingt zur Abgrenzung. Games und fremde Online-Welten haben diese Rolle eingenommen, erzeugen bewusst Missverständnis, Ablehnung und einen neuen Diskurs.

Die Zeiten von Acts wie Marilyn Manson als Elternschreck sind laut Tim Renner passé

Die Formate sind frei

PnS: Bis in die 80er gab das Radio die „gesetzmäßige“ Länge einer Popnummer vor. Alles über fünf Minuten war nicht spielbar – mit ganz wenigen Ausnahmen. Auf breitester Ebene haben vor allem die Techno- und DJ-Kultur den Bruch dieses Dogmas forciert. Zudem hat sich Musik vom klassischen Tonträger gelöst. Die Hörgewohnheiten haben sich stark verändert. Hat das Einfluss auf das Entstehen neuer Popmusik? Könnten dadurch auch musikalische Formate wie Symphonie oder Oper ein Comeback erleben?
Tim:
Das Beharren auf einem Format, welches dereinst die Vinyl-Platte vorgegeben hat, ist beeindruckend. Noch immer sind Alben zwischen 30 und 45 Minuten lang, weil das die beste Länge ist um sie für HiFi zu mastern. Die CD bietet schon seit dreißig Jahren die Möglichkeit ohne Klangverlust über 70 Minuten zu gehen und im Netz ist das Werk theoretisch unendlich. Dennoch bleibt es bei der tradierten Albumlänge. Das wird sich so schnell auch nicht ändern. Was hingegen bereits passiert ist, dass Bands wie zum Beispiel „Hundreds“ aus Hamburg dann ihre Songs ins Netz stellen, wenn sie fertig sind, und erst nachträglich zu Alben zusammenfassen.

PnS: Als wir in den 90ern eine Band hatten, hätten wir von YouTube & Co. geträumt! CDs rumzuschicken war kosten- und zeitintensiv. Pohlmann erzählte mir letztes Jahr, ihm wären Facebook und YouTube als Kommunikationskanäle sehr viel wichtiger als die eigene Website. Er hat sogar extra Videos mit neu eingespielten Versionen seiner Songs für YouTube produziert! Also extra noch investiert für den kostenlosen Musikgenuss. Ist Social Media (nicht Spotify, iTunes etc.) absehbar eher ein Fluch oder doch ein Segen für die Entwicklung der Popmusik?
Tim:
Der direkte Kontakt zum Fan kann kein Fluch sein. Er erhöht die Unabhängigkeit des Künstlers. Ohne Social Media auch kein Crowdfunding. Zum anderen steigen dadurch natürlich auch die Anforderungen an den Künstler. Es geht nicht nur um sein Werk sondern auch zunehmend um die Persönlichkeit die sie/er digital darstellt. Das beherrscht nicht jeder. Aber wenn man das kann, wie z.B. Cro und sein Umfeld, ersetzt es jedes Massenmedium.

Gemeinsam mit Sarah Wächter hat Tim ein Buch über die Popindustrie geschrieben

Was bringt die Zukunft?

People nStuff: Wird die Popmusik die nächsten Jahrhunderte in Teilen überleben, weil sie in irgendeiner Form relevant ist oder nur weil man sie halt einfach abspeichern und archivieren kann?
Tim Renner:
Popmusik überlebt dann, wenn sie relevant ist. In Zeiten da sich jeder alles beschaffen kann, ist sie weniger gefährdet als in den 1990ern, als sie im Rahmen der Entwicklung privater Radiostationen zunehmend zur Hintergrundfläche, und im Umsatzboom nach CD-Etablierung und Wiedervereinigung zum Spekulationsobjekt von Musikkonzernen wurde.
 
People nStuff: Welche Musik hörst du – privat, auf dem iPod, im Büro?
Tim Renner:
Momentan gerade sehr viel aus Island: Retro Stefson, Olafur Arnalds, Múm, Sin Fang, Soley, Hjaltalin und natürlich Sigur Ros, denn da war ich gerade erst vor kurzem.

Weitere Infos zu Tim Renner als Kulturstaatssekretär des Landes Berlin: www.berlin.de/sen/kultur/index.de.php



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