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Interview: Marcus Deml (Errorhead)

Musiker durch und durch

Richtig geiler Bluesgetränkter Rock aus deutschen Landen? Mein Tipp: Errorhead, die Band von Gitarrist Marcus Deml.


Musiker durch und ...

Moderner Bluesrock kommt keineswegs zwingend aus den USA. Auch hierzulande gibt es Gitarristen, die einen schlicht und einfach umhauen. Einer, der unzweifelhaft richtig viel von gutem Sound versteht, ist Marcus Deml. Wir besuchten ihn bei einem Konzert seiner Band Errorhead und sprachen mit ihm über die Entwicklung der Band, die Vorzüge von Röhrenamps und seine Meinung zum Thema Streaming. Netterweise führte er uns auch über die Bühne und zeigte uns sein Equipment.

Nachdem er seine wohl kaum vermeidbare – Marcus Deml studierte schließlich in den 1980ern am Musicians Institute in LA – Shred-Phase hinter sich gebracht hatte, verschwor er sich mehr und mehr dem Bluesrock. Und wenn man sieht, mit welcher Begeisterung und Power Marcus heute mit seiner Band Errorhead auf der Bühne steht, dann ist klar, dass er die richtige Entscheidung getroffen hat, welchen Weg er musikalisch gehen möchte. Wir trafen ihn vor seinem Konzert in München zum ausführlichen Gespräch über Motivation, Musik und Geld – und konnten uns auch sein Setup detailliert ansehen.

People nStuff: Erzähl doch erst mal den Leuten, die Errorhead noch nicht kennen, seit wann es die Band gibt.
Marcus Deml:
Das Ganze fing 1998 als instrumentales Therapieprojekt an.

PnS: Eine Therapie von deinen Jobs als Studiomusiker?
Marcus:
Genau. Ich dachte mir „Ich hab noch nichts Geiles vorzuweisen. Ich hab zwar Geld und keine Sorgen, aber ich habe nichts, worauf ich wirklich stolz bin.“ Die ersten beiden Errorhead-Platten waren virtuose Gitarrenplatten mit ganz viel Electro. Ich stand auf komische Elektrosachen und habe vorher in einer Ambience Techno Band gespielt. Das hat sich auch sehr sehr gut verkauft. Das war in den 90er Jahren, da konnte man noch Platten verkaufen. Wir haben teilweise vor 5.000 Leuten gespielt, aber die Gitarre durfte nicht nach Gitarre klingen. Irgendwann war ich dann wieder zurück bei der Rockmusik und wollte das mit Elektro kombinieren. Und 2006 oder 2007 hab ich dann komplett alle Studiojobs geknickt.

PnS: Weil es dir zu stressig wurde oder weil es sich nicht mehr gelohnt hat?
Marcus:
Nein ich hatte Depressionen beim Auftritt vor 14.000 Menschen – bei einem bekannten deutschen Künstler. Ich dachte mir "Was mach ich hier? Das ist doch Zeitverschwendung." Und wir haben dazwischen angefangen Gigs mit Errorhead zu spielen. Der Erste war irgendwie vor 18 Leuten in Bremen und ich dachte „Das musst du einfach machen, auch wenn keine Kohle drin ist". Und dann gings 2008 richtig los. Dann schon mit Zacky (Tsoukas, Drums; Anm. d. A.) und Frank (Itt, Bass, Anm. d. A.). Aber wir sind ne komische Rockband. Eine, wo es auf die Fresse gibt, bisschen quer gemischt. Alles geschieht ohne kommerzielle Absicht. Und dann haben wir unseren Manager und meine Bürotätigkeiten, um das Ganze zu vermarkten, so dass wir davon leben können.


Marcus Deml mit seinem Liebling, einer 1963er Fender Stratocaster mit Kloppmann-Pickups

Mucke & Moneten

PnS: Wodurch klappt das?
Marcus:
Durch unfassbar viele verschiedene Dinge. Plattenverkäufe funktionieren bei uns noch erstaunlich gut. Vor allem live. Wenn 100 Leute kommen, verkaufen wir an jeden zweiten zumindest eine CD. Wir sind bei Amazon, und jetzt auch bei Media Markt, Saturn, Hansa und so weiter. Thomas (Hammerl; Manager von Errorhead; Anm. d. A.) macht sehr gute PR-Arbeit und es spricht sich langsam rum. Und ich mach wirklich nichts anderes als Errorhead, sechs Tage die Woche, je zehn Stunden lang. Ich versuch 50 % der Zeit im Büro zu sein und die andere Hälfte der Zeit übe ich oder komponiere neue Songs. Ich lebe und bin Errorhead. Ansonsten spiele ich auch nicht. Ich versuche einen Tag die Woche nicht Gitarre zu spielen, ich habe schließlich eine Freundin. Und die will auch manchmal meine Fresse sehen. Und wenn ich mal Zuhause bin, versuche ich zu chillen und mach auf Spießer. Versuche die Hecken zu schneiden oder so n Scheiß.

PnS: Wie lange willst du so weitermachen?
Marcus:
Musik werde ich immer machen. Ich bin so ein Typ, der zehn Stunden am Tag Gitarre spielen könnte. Ich übe nicht so viel. Vielleicht eine Stunde am Tag. Den Rest der Zeit sitz ich im Studio, dudel rum, schreib an neuen Sounds, an neuen Geräuschen, üb mal ne Violin-Partitur, mal ne Metal-Nummer. Ich versuch mich da frisch zu halten. Ob ich immer im Musikbusiness bleiben werde, weiß ich nicht. Ich könnte wesentlich mehr Kohle machen, wenn ich nur Gitarrenseminare geben würde. Wir machen das drei mal im Jahr. Die Teilnehmer kriegen drei Tage Vollbedienung, von Blues bis Rock bis Jazz bis Country. Wenn ich das einmal im Monat machen würde, dann könnte ich mir die anderen 27 Tage den Sack kratzen. Vielleicht kann ich das ja bald auch mit Errorhead, das ist schon unser Ziel. Aber das Musikbusiness ist so eine notgedrungene Sache.

Marcus setzt seit langem auf Amps von Tube Thomsen

Der Spieler macht den Sound

PnS: Ist Equipment auch Thema bei den Seminaren?
Marcus:
Ja. Aber die Leute sind dann immer völlig platt, wenn sie mir ihren Kofferamp und ihre Strat in die Hand drücken, und das nicht viel schlechter klingt, sag ich jetzt mal ganz arrogant. Ich schlepp zwar ein halbes Vermögen an Equipment mit mir rum, aber das ist weil ich es hab und es tierischen Spaß macht damit zu spielen. Und wenn du einmal verwöhnt bist, dann ist es schwierig, mit irgendeiner Transistorgurke zu jammen.

PnS: Warst du von Anfang an so Equipment-orientiert?
Marcus:
Ja klar, ich konnte es mir nur nicht leisten. Ich hab natürlich immer geguckt, was meine Lieblingsgitarristen hatten. Das können sich junge Leute überhaupt nicht vorstellen – das Schlüsselerlebnis war für mich Gary Moore bei Rockpop in Concert – als er noch Hardrock gespielt hat. Voll abgemetzgert über sieben Marshalls. Ich habe zwei Wochen lang nichts mehr gehört. Es war völlig absurd. Mit einer Single-Coil-Strat! Ich hab vorher gedacht, ne Stratocaster ist was für Ricky King oder so. Aber das Klang so fett und es hat nicht weh getan - oder nur angenehm weh getan – er hat ja für damalige Zeiten schon fast Metal gespielt. Und dann bin ich in den Gitarrenladen gegangen und hab gefragt „Habt ihr das Konzert gesehen? Wieso klingt denn die Stratocaster so?“ Ich hab mich dann voll erschrocken, dass ein alter Marshall nicht verzerrt. Der zerrt nur wenn du ihn voll aufreißt.

Mein Marshall zum Beispiel ist komplett clean, und der ist so laut, da willst du ohnmächtig werden. Deswegen kann man den auch nicht live spielen. Und davor hatte Gary Moore irgendwelche Dinger gehabt. Ich hab dann festgestellt, er hat ein Boss DS-1 Distortion. So ein Pedal, dass du auf Ebay für 30 Euro kriegst. Dann hatte er noch ein Roland Space Echo und damit die Marshalls angeblasen. Und dann den DS-1 davor. Und das wars. Und ich war einfach platt, wie das klang.

Ich war als Kind, bevor ich überhaupt Gitarre spielte, ein großer Jimi-Hendrix- und Ritchie-Blackmore-Fan. Mit acht schon hab ich dazu Luftgitarre gespielt. Damals konnte man ja nicht auf YouTube gehen und alles checken. Und dann stellst du fest, der hat einen Treblebooster gehabt und später ein Tonbandgerät, das er als Echo und Booster benutzt hat. Damit haben die diese klassischen Sounds gemacht. Ums kurz zu machen, weil mich Leute auch immer fragen. Ich hab mir mit 18 einen 100-Watt-Marshall gekauft, dazu eine 4-x-12“-Box und einen Booster und bin immer in den Bunker gegangen. Dann hab ich mir zwei Stunden die Ohren rausgeblasen und mich geärgert, wie beschissen das klang. Und irgendwann klang es halt nicht mehr so beschissen. Denn letztendlich machst du den Sound.

PnS: Hast du auch schon mal digitale Sachen ausprobiert?
Marcus:
Ja. Die digitalen Sachen sind vor allem für eine Sache super: Wenn einer 15 ist, dann kann er sich für 150 Euro etwas holen, was zu 80 Prozent so klingt, wie der Klassiker. Es gibt den Leuten eine Vorstellung, wie welcher Amp klingt. Was allerdings bisschen doof ist: wenn ich jetzt 15 wäre und immer mit diesen Digitalsimulationen üben würde, würde ich immer nur die Presets von meinem Lieblingsgitarristen einstellen. Meine Generation dagegen war dazu gezwungen, etwas Eigenes zu kreieren. Es ist fast zu bequem. Was auch interessant ist: ganz viele Leute haben live voll den komischen Sound. Viele denken wohl, dass der Toningenieur verantwortlich für den guten Klang ist und nicht der Gitarrist. 

Errorhead lassen es live richtig krachen

Neue Bühnen locken

PnS: Ist das eine bewusste Entscheidung, dass ihr ohne Vorband spielt?
Marcus:
Ja, denn das Konzert ist sehr intensiv. Es dauert zwei Stunden, und wir spielen eine Menge Töne – auch wenn ich nicht mehr halb so viel spiele wie vor 10 Jahren. Ich mach nicht die „Guck mal, was ich alles kann“-Zirkusshow. Ist auch zu anstrengend für die Leute. Und du hast ja die Menge an Equipment gesehen, die wir dabei haben. Wir hatten vor einer Woche eine Vorband. Ein Blues-Rock-Trio. Das Problem war, dass unser Soundmann danach die ersten drei Songs nur am kämpfen war. Alles war verdreht, trotz Digitalpult. Und die Leute waren schon ein bisschen Platt von der einen Stunde. Aber im Prinzip, wenn es sich ergibt … Bei den großen Sachen ist es ja so, dass sie richtig Geld haben wollen. Wenn wir bei amerikanischen Acts angeklopft haben hieß es direkt „3.000 Euro“. Ich so „Was“? „30 Minutes Showtime, no lights, no soundcheck. Play ten minutes  after doors open“ und ich so „Fuck you". Verarschen kann ich mich auch selber. Sag einfach, wohin ich die Kohle überweisen soll, dann mach ich das, wenn ich dich gerne hab. Komische Sache das.

PnS: Und wie sehen die Pläne nach der Tour aus?
Marcus:
Wir werden erst mal das ganze Jahr touren. Es sind rund 40 Gigs ausgemacht. Die Zukunftspläne sind vermehrt ins Ausland zu gehen. Denn die Downloads geben es her. Tatsächlich macht Deutschland nur etwa 20 % unseres Marktes aus. Die Amis stehen auf uns, die Skandinavier, die Japaner. Also wahrscheinlich ist das Problem, dass wir in Deutschland ansässig sind und nicht Joe oder Steve oder so heißen (Lachen) oder Kenny. Das Vermarktungsproblem hier besteht mit heimischen Bands sicherlich, wenn sie nicht deutsch singen. Aber ich will mich da nicht beschweren, es kommen im Schnitt 150 Leute. Das rechnet sich dann gerade so. Und wenn es ins Ausland geht, muss sich das hat irgendwie finanzieren.

Auf Marcus' Pedalboard finden sich reichlich Soundverbesserer

Ist Streaming gut? Jein!

PnS: Sind Streaming-Plattformen wie Spotify wichtig für euch?
Marcus:
Naja, wir sind dabei. Man kann Spotify entweder als Raub an der Kunst sehen oder als modernes Radio. Ich hab mich noch nicht ganz entschieden. Spotify verdient eine Heidenkohle. Der Künstler kriegt nur etwa 0,08 Cent pro Stream. Und für ne Platte, an der ich zwei Jahre lang gesessen bin, finde ich das relativ wenig. Aber es ist im Prinzip die gleiche Auswertung, die du im Radio kriegen würdest, falls die GEMA mal abrechnen würde. Also von daher ist es egal. Wir wollen einfach Spaß haben und die Leute begeistern, wir sind ja nicht wegen der Kohle dabei. Sonst würde ich in meinem Studio sitzen und versuchen, an Helene zwei Titel zu verkaufen und mir ne Südseeinsel kaufen (lacht). Vielleicht mach ich das auch irgendwann mal, wenn ich genug habe von diesen Buckeltouren. Jeden Tag 500 Kilometer fahren und dann bist du schon 14 Stunden auf den Beinen, wenn es heißt: Showtime. Doch solang wir das aushalten, ist alles gut. Rock 'n' Roll ist nichts für Schwächlinge, aber es macht auch total Spaß. Und wer kann heutzutage schon von seiner eigenen Musik leben. Das muss man einfach als Geschenk sehen. Diese ganzen „erfolgreichen“ Casting-Äffchen die können einem ja leid tun. Die sind ein halbes Jahr im Geschäft, verdienen vielleicht einmal kurz richtig Kohle und dann wars das. Dann werden es tragische Figuren, keiner fasst die mehr an. Das ist schon auch bitter.

Eine Rezension des aktuellen Albums Evolution findest du übrigens hier.

AUch auf kleinen Bühnen fühlt sich Errorhead zu Hause.

Errorhead-Tourtermine

11.07.     Postbauer-Heng, Open Air am alten KiSH
26.07.    Worpswede, Music Hall/Open Air
16.08.    Finkenbach, Finki Open Air Festival
25.09.    Göttingen, Nörgelbuff
26.09.    Bergheim, Medio.Rhein.Erft
27.09.    Kaiserslautern, Kammgarn
31.10.    Schwerin, Speicher
01.11.    Brachwitz, Cafe Saale Kiez
05.11.    Bremen, Meisenfrei
06.11.    Ingolstadt, Ingolstaedter Jazztage @ das MO
07.11.    Esslingen, Dieselstrasse
08.11.    Münster, Hot Jazz Club
09.11.    NL-Weert, De Bosuil
11.11.    Leverkusen, Leverkusener Jazztage @ Scala-Club
14.11.    A-Wien, Reigen
15.11.    A-Weng im Gesäuse, Wengerwirt
20.11.    Berlin, Quasimodo
21.11.    Dresden, Tante JU

Weitere Infos: www.errorhead.com; www.facebook.com/errorhead



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