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Interview: Hagen Stoll

Frei und glücklich

Vom grimmigen Rocker zum entspannten Blueser – diese Wandlung vollzieht Haudegen-Frontmann Hagen Stoll auf seinem Solodebüt „Talismann“.


Frei und glücklich

Dem größten Teil des deutschen Publikums ist Hagen Stoll bisher als imposanter Frontmann der Berliner Deutschrocker von Haudegen bekannt – nach seinem Amerika-Urlaub hat den über und über tätowierten Singer/Songwriter nun der Blues gepackt. Eine ganz neue Liebe, die er auf seinem ersten Soloalbum „Talismann“ festgehalten hat.

Hagen Stoll hat in seiner fast 20-jährigen Karriere schon so manches gemacht und auch so manchen Hörer abgeholt: Ob als Rapper Joe Rilla oder in seiner Rolle als Aushängeschild bei Haudegen. Stoll war Sprayer, Tischtennismeister in der DDR, Türsteher – Erfahrungen, von denen der End-30er schon immer in seinen Songs berichtet hat. Auf „Talismann“ verbindet er heute Einflüsse aus Blues, Rap und Liedermachertum zu seiner ganz eigenen Vorstellung von „Urban Blues“. Wir trafen ihn anlässlich der Aufnahmen im Studio von Mania & Dasmo in Berlin.

People nStuff: Ein Soloalbum neben der Hauptband bedeutet ja oft die Suche nach Abwechslung – warst du nicht mehr glücklich mit Haudegen?
Hagen Stoll:
Keinesfalls. Ich bin super glücklich mit Haudegen. Haudegen ist auch weiterhin existent. Haudegen bedeutet mir alles, doch haben wir in den letzten Jahren so durchgezogen, dass wir kurz davor waren, uns tot zu spielen. Es gab kein Privatleben mehr; bevor wir unsere Freundschaft aufs Spiel setzen, haben wir den Stecker gezogen und eine Kreativpause eingelegt. Wir nehmen uns ganz in Ruhe Zeit für das dritte Album. Sven hat sich mit seiner neu eröffneten Bar einen Kindheitstraum erfüllt und ich habe zwei Monate Pause gemacht, bis ich wieder anfing an meinem neuen Album zu arbeiten.

PnS: Während die Grundstimmung bei Haudegen eher kämpferisch-melancholisch ist, präsentierst du dich auf „Talismann“ von einer ungewohnt unbeschwerten Seite ...
Hagen:
Haudegen hat einen ganz anderen Ansatz und ist eher sozial- und gesellschaftskritisch. Wir sprechen Dinge an, die die Leute bewegen. Bei Hagen Stoll ist alles viel persönlicher. Es geht nur um meine Person. Ich wollte von Anfang an ein glückliches, lachendes Album machen. Alles das, was Haudegen den Leuten nicht geben kann. Man kann es wie Yin & Yang oder die berühmten zwei Seiten einer Medaille betrachten: Die eine ist ernst, während die andere Seite auch mal lachen will. Der Anspruch war, die Käseglocke zu lüften und über den Tellerrand zu schauen.


Hagen Stoll geht gerne ungewöhnliche Wege – auch im Studio.

Auf Reisen zum Blues

PnS: Auf dem Album gibst du dich extrem Blues-lastig – ein Ergebnis deines USA-Trips?
Hagen:
Ich bin mit meiner Braut auf einer riesigen Harley Davidson einmal quer durchs Land gefahren. Von San Francisco bis Miami. Dort habe ich den Blues für mich entdeckt. Ich habe in einem alten Musikladen einen Blueser getroffen, der mir einen Haufen CDs gegeben hat, die ich mir auf dem Weg angehört habe. Ich hatte vorher absolut keine Berührungspunkte mit dieser Musikrichtung und bin aus allen Wolken gefallen, was der Blues in mir auslöst. Ich bin definitiv ein anderer geworden auf dieser Reise; mein Blick auf die Musik ist komplett anders, seitdem ich dort den Blues wahrgenommen habe. Als ich wiederkam, habe ich zu meinen Produzenten Mania und Dasmo gesagt, dass wir unbedingt etwas in dieser Richtung machen müssen.

PnS: Wobei sich deine Version des Blues als extrem modern darstellt. So wird mit Samples, Rap-Parts und seltsamen Soundeffekten gearbeitet.
Hagen:
Wir haben uns jeden erdenklichen kreativen Freiraum gelassen. In einer Zeit, in der eigentlich nur noch kopiert und sich dem Zeitgeist angebiedert wird, gehen wir genau den entgegengesetzten Weg. Gerade, was die Produktion betrifft: Auf dem Song „Die kleine Kneipe nebenan“ zum Beispiel haben wir noch nicht einmal ein echtes Drumkit benutzt, sondern Bassdrums aus Tischen gesamplet, auf die wir CDs und Tambourins gelegt und einfach draufgehauen haben. Alles wurde von unten, von oben und von der Seite mikrofoniert – fertig!

Im Studio wurde ganz bewusst Oldschool-Equipment eingesetzt.

Neue Wege

PnS: Klingt nach einer Menge Tüftelei!
Hagen:
Absolut! Bei „Mo Money Mo Problems“ wurde ein Synthie verwendet, bei dem die Speicherbatterie nicht mehr richtig funktionierte. Während sich die Presets langsam zerstörten, sind komische Klänge entstanden, die man so nie wieder reproduzieren kann. Außerdem haben wir Instrumentenkoffer in die Aufnahmebooth gestellt und Sounds imitiert. Wir haben mit dem traditionellen Komponieren und Produzieren gebrochen und Sachen gemacht, die die meisten in dieser Form sicher nicht machen würden. Ein anderes Beispiel: In jedem fucking Studio steht diese einsame Dobro, die nie benutzt wird – wir haben es getan!

PnS: Ist das dein Faible für Outsider, das sich bei Instrumenten fortsetzt?
Hagen:
Richtig. Ich habe gedacht: Dann nimm die staubige Gitarre in die Hand und mach etwas. So wie ich mich von der musikalischen Seite her ausgetobt habe, haben sich meine Producer auf der Studioseite ausgetobt. Die totale kreative Freiheit – etwas, wo die wenigsten Künstler jemals in ihrem Leben das Privileg haben, das ohne kommerziellen Druck umsetzen zu können.

PnS: Neben deiner neuen Liveband The Ruffcats hast du auf „Talismann“ auch tatkräftige Unterstützung von The BossHoss-Member Malcolm „Hank Williamson“ Arison bekommen!
Hagen:
Ein krasser Moment, als er ins Studio kam! Er kam herein wie ein kleiner Professor mit all seinen Köfferchen mit 30 bis 40 Mundharmonikas, einem alten Mikro und einem kleinen Röhrenverstärker aus den 1940er Jahren, schloss alles an und mit einem Mal war Louisiana in da House! In diesem Moment wurde mir klar, dass es ein Bombenalbum werden würde! Malcolm hat dermaßen fett abgeliefert, dass uns die Münder offen standen!

PnS: Hast du spezielles Studio- oder Liveequipment, welches du bevorzugst?
Hagen:
Nein, alles ist möglich, solange es so funktioniert, wie man es braucht. Im Studio haben die Jungs eine Kette von Kompressoren und Equalizern verwendet, mit denen gewisse Basstöne in meiner Stimme optimal zur Geltung kommen und alles sehr nahe und intim klingt. Wenn ich Zuhause meine Ideen aufnehme, benutze ich ein AKG Perception 220, linear ohne irgendwelchen Schnickschnack. Früher hatte ich ein Neumann U47 FET, das ich leider aus finanziellen Gründen verkaufen musste. Im Augenblick spiele ich auch mit dem Gedanken mir vielleicht das UAD Apollo Twin zuzulegen.

Ein eingespieltes Team: Hagen Stoll (links) und Matthias Mania (rechts).

Aus Erfahrung glücklich

PnS: Was ist die Moral von „Talismann“? Was kann man von dir lernen?
Hagen:
Ich selbst bin der „Talis-Mann“, der den Leuten Glück bringen will. Ich finde, es gibt nichts Tolleres, als Menschen buchstäblich Glück zu wünschen. Wir sehen heute alles nur von der negativen Seite – ich möchte, dass die Leute anfangen auch das Positive zu sehen. Meine Moral lautet: Bitte sei glücklich in einer Zeit, in der überall suggeriert wird, es wäre nicht möglich. Wenn du Bock hast zu tanzen, dann tanze. Wir haben nur eine begrenzte Zeit auf dieser Welt. Unsere Zeit ist zu kurz, um sie nicht in vollen Zügen zu genießen. Ich bin jetzt in der Mitte meines Lebens und erkenne die Fehler, die ich gemacht habe. Ich bin einerseits froh, diese Erfahrungen und Fehler gemacht zu haben, aber die zweite Hälfte meines Lebens kann ich viel besser und angenehmer gestalten. Genau das möchte ich auch den Hörern beibringen.

PnS: Wie sehen deine nächsten Pläne aus?
Hagen:
Nach dem Release von „Talismann“ gehe ich im Herbst auf Tour. Außerdem schreiben wir an neuen Haudegen-Nummern. Bei Haudegen machen wir das Maul auf und sagen Dinge in einer Deutlichkeit, wie sie sonst nicht gesagt werden. Ich kann diesmal nur warnen, dass sich der eine oder andere lyrisch wirklich lieber anschnallen sollte!

Hier die Tourdates

26.09.: Eisenach, Schlachthof
27.09.: Görlitz, Kulturbrauerei (Lesung)
01.10.: Altenkirchen Westerwald, Spiegelzelt
12.10.: Berlin, Bi Nuu
14.10.: Magdeburg, Feuerwache
15.10.: Köln, Gebäude 9
16.10.: Hamburg, Grünspan
18.10.: Essen, Zeche Carl
19.10.: München, Ampere
21.10.: Frankfurt, Batschkapp
22.10.: Dresden, Puschkin
15.11.: Weißenfels, Kulturhaus
 
Weitere Infos: www.hagenstoll.net
www.facebook.com/hagenstollofficial

Dass Produzentenduo Mania & Dasmo sorgte für den individuellen Sound von „Talismann“.

Ein Gespräch mit den Produzenten


Entstanden ist „Talismann“ zwischen Sommer 2013 und Sommer 2014 in Berlin-Kreuzberg unter der Ägide des Produzentenduos Mania & Dasmo (alias Matthias Mania und Daniel Großmann), die zuvor für Bands wie Haudegen, Thomas D., Kellerkommando, Pohlmann u.v.a. tätig waren.

People nStuff: Wie kam die Zusammenarbeit mit Hagen zustande?
Dasmo
: Matthias hat früher viel mit Haudegen gemacht; Hagen und ich waren uns durch unsere gemeinsamen Hip-Hop-Zeiten geläufig. Wir kannten uns zwar nicht persönlich, aber wir wussten, wer wir waren. Irgendwann ergab sich eine Zusammenarbeit.

PnS: Mit welchem Studioequipment arbeitet ihr am liebsten?
Dasmo:
Das ultimative Lieblingsequipment gibt es bei uns nicht. Wir schauen gerne individuell, was sich bei welchem Künstler anbietet. Wir setzen eigentlich nichts standardmäßig ein, sondern schneiden alles auf die Bedürfnisse unserer Künstler zu.

PnS: Was waren die Besonderheiten an der Arbeit mit Hagen?
Mania:
Wir haben das Album zusammen in einem gemeinsamen Prozess erarbeitet und die Songs mitgeschrieben. Größtenteils haben wir beide hier im Studio geschrieben, Hagen bei sich Zuhause. Manche Stücke entstanden auch hier in Gemeinschaftsarbeit. Ich komme mehr aus dem Bandkontext und Daniel aus der Beatbastler-Ecke – er bremst mich gerne, wenn es zu traditionell wird und sucht dann neue, unorthodoxe Wege.

Dasmo: Ich versuche Dinge anders als gewöhnlich zu machen. So muss man ein Riff nicht zwangsläufig durchspielen, sondern kann es auch loopen und effektmäßig bearbeiten. Bei „Schieb den Blues“ haben wir anstatt eines klassischen Basses einen fetten, sinus-mäßigen Subbass gewählt. Ein großes Thema waren auch Verzerrungen jeder Art. Ob Gitarren mit Bodentreter, Drums mit der Thermionic Culture Vulture Distortion Unit oder die Vocals, die wir bei vielen Songs leicht angezerrt haben, um eine subtile Wärme zu erreichen.


Einen Vorgeschmack auf „Talismann“ bekommst du hier beim Video zu „Schieb den Blues“:





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